Der Pionier von Albarracín: Unterwegs mit Ivan Luengo

Hüfte kaputt,  Ellbogen kaputt: Nach einem Unfall wollte Ivan Luengo nicht mehr klettern und entdeckte das Bouldern für sich.  Ein Glück für alle Felsverliebten – denn er und seine Kumpel haben eines der schönsten Bouldergebiete Spaniens erschlossen: Albarracín.

Mit Ivan Luengo zu sprechen ist schwer. Alle wollen es. Sobald er einen Fuß in den Wald setzt, scharen sich die Boulderer um ihn: „Hast du einen Tipp, wie ich diesen Zug schaffe?“, „Bist du der aus dem Guidebook?“, „Stimmt es, dass du barfuß bouldern kannst?“ – jeder will etwas wissen und wenigstens kurz mal mit ihm klettern. Hier, zwischen den hochgewachsenen Pinienbäumen und den rostroten Sandsteinfelsen, ist der 37-Jährige eine Art lebende Legende.

Das kommt nicht von ungefähr: Einst waren Ivan und eine Handvoll Freunde die ersten, die nicht wegen der malerischen Altstadt nach Albarracín kamen. Stattdessen interessierte sich die Clique aus Madrid für die wild durcheinandergewürfelten Sandsteinfelsen in den umliegenden Wäldern. Gierig, dem schroffen Granit ihrer Heimat zu entfliehen, durchstreiften die Kletterer die Gegend – und trauten ihren Augen kaum. „Uns war sofort klar, dass wir etwas Einzigartiges gefunden hatten“, erinnert sich Ivan Luengo, „etwas, das groß werden würde.“ Eine Ahnung, die sich knapp 14 Jahre später erfüllt hat. Albarracín ist für Spanien zu dem avanciert, was Fontainebleau für Frankreich, Magic Wood für die Schweiz und Bishop für die USA sind: ein Mekka für Boulderer.

„Bouldern reinigt das Ego“

Nirgendwo in Spanien kann man besser bouldern als in Albarracín. 250 Millionen Jahre Erdgeschichte haben dort ihre Spuren in die roten Felsbrocken gefressen. Ihre Rillen, Kerben, Furchen, Leisten und Löcher sind heute perfekte Griffe und Tritte für die Kletterer. Der Sandstein, Rondeno genannt, nagt weniger brutal an den Händen als Granit oder Kalk, bietet aber trotzdem viel Grip. Aus aller Welt kommen sie deshalb hierher, um ihre Kräfte an Klassikern wie Cosmos, La Lagrima oder Techo don Pepo zu messen. „Es ist verrückt, wie viele Besucher mittlerweile kommen“, sagt Ivan. Natürlich kann er verstehen, was sie anzieht. Trotzdem irritiert es ihn manchmal: „Als ich angefangen habe, hat Bouldern in Spanien niemanden interessiert. Keiner hat davon Notiz genommen, dass ich in den schwierigsten Graden unterwegs war.“ Erst bei einem Besuch in Frankreich habe er erfahren, dass Bouldern eine eigene Sportart ist. Er hält kurz inne, dunkelbraune Augen heften sich auf dunkelroten Fels. „Für mich ist es kein Sport, sondern einfach mein Leben.“ Er sagt es ohne Pathos, fast mit einem Schulterzucken. Dass viele nur herkommen, um besonders schwere Boulder abzuhaken, kann er nicht nachvollziehen. „Bouldern ist mehr. Es reinigt das Ego, hat mit Persönlichkeit, Charakterbildung und Respekt vor der Natur zu tun.“ Er hat als Jugendlicher damit begonnen, nachdem er sich bei einem Kletterunfall Hüfte und Ellbogen zertrümmerte und danach nicht mehr am Seil klettern wollte. Doch aus der Notlösung wurde eine Leidenschaft, die ihn nie wieder losgelassen hat.

„Ich habe alles hingeschmissen und bin in eine Höhle gezogen“

So ist es auch mit Albarracín. Nachdem Ivan das Gebiet in der Provinz Aragón entdeckt hatte, folgte ein großer Bruch in seinem Leben: Er schmiss seinen Job als Promi-Fotograf, verließ seine Verlobte und seine Heimatstadt Madrid und zog in das 1000-Seelen-Dorf im Nordosten Spaniens, gut 300 Kilometer von seinem alten Leben entfernt. Die ersten Monate hat er in den Wälder verbracht, kletterbare Linien am Fels gesucht, in Höhlen geschlafen, Tiere und Pflanzen studiert und kleine Klumpen geschmolzenen Eisens gesammelt, aus denen die Römer einst Waffen schmiedeten. Mittlerweile ist sein Leben etwas gediegener: Mit Freundin Rocia betreibt er einen Kletterladen im Ort, der direkt unter ihrer Wohnung liegt. Doch er verbringt nur wenig Zeit dort, feste Wände und Dächer passen nicht zu seiner Welt. Wann immer Ivan kann, schultert er sein Crashpad und läuft den kleinen Pfad zum Wald hinauf. „Es gibt in diesen Wäldern genug Herausforderungen für ein ganzes Kletterleben.“

in albarracin ist die Vergangenheit konserviert

Doch es gibt auch eine andere Seite von Albarracín, die nichts mit Hornhaut, Fingerkraft und starkem Bizeps zu tun hat. Die um 970 von berberischen Moslems in den Stein gemeißelte Wehrburg gilt als einer der schönsten Orte Spaniens. Wer einmal durch die schmalen Gassen zwischen den eng aneinander geschmiegten Häuschen gelaufen ist, versteht sofort, warum: Die Abgeschiedenheit des Ortes hat seine Vergangenheit konserviert, die Epochen fließen an jeder Ecke ineinander. Albarracín blickt auf eine bewegte Geschichte zurück: Im Herzen des von einer imposanten Mauer umzackten Stadtkerns haben unter anderem Römer, Araber und spanische Könige ihre Spuren hinterlassen. Neben einer Maurenburg, einem Bischofspalast aus dem 16. Jahrhundert und einem Wasserturm schraubt sich eine Kathedrale in die Höhe, dazwischen stehen Herrenhäuser aus Holz und Mörtel, Kirchen voller Renaissancekunst und ein 18 Kilometer langes Aquädukt, seinerzeit eines der aufwendigsten Bauprojekte der Römer in Spanien. Albarracín wirkt komplett aus der Zeit gefallen. Das haben auch die spanische Regierung und die Unesco erkannt: Das Dorf steht nicht nur unter Denkmalschutz, sondern ist auch als Weltkulturerbe anerkannt. Spanische Touristen strömen seit langem hierher, um den hektischen Städten zu entfliehen, Ruhe zu tanken und wahlweise durch die engen Gassen oder die endlosen Wälder zu schlendern. Ausländer hingegen verirren sich nur selten hierher – es sei denn, sie sind verrückt nach Felsen.

Jäger wie Boulderer hätten die Wälder gerne für sich

„Die Uhren hier ticken anders“, sagt Ivan Luengo, der gerne auf der Stadtmauer sitzt und ins Tal schaut. Von dort hat man einen schönen Blick auf den Guadalaviar-Fluss, in dessen Biegung sich Albarracìn bettet. Dahinter erstrecken sich ockerfarbene Hügel, die in dichte Wälder übergehen und die Felsen beherbergen. Industrie gibt es nicht in Albarracín, die Menschen leben von der Land- und Forstwirtschaft und dem Tourismus. Einst zog es sie hierher, weil es reichlich Wild in den Wäldern und Forellen im Fluss gab. Noch heute zeugen kunstvolle Höhlenmalereien, die für die Region typische Wildwurst und schmiedeeiserne Picaportes – Türklopfer in Tierformen – davon, wie wichtig die Jagd einst war.

Mittlerweile sind die Wälder als Naturpark geschützt und die Jagd streng reglementiert. Manchmal geraten Boulderer und Jäger trotzdem aneinander – die einen wie die anderen hätten die Wälder gerne für sich. Doch Ivan glaubt nicht, dass das Konsequenzen haben wird. „Mittlerweile kommen so viele junge Spanier hierher – das Gebiet ließe sich nicht mehr sperren.“ Er denkt, dass die Wirtschaftskrise seines Landes einen Teil dazu beigetragen hat. „Bouldern kostet nichts, gibt jungen Menschen eine Aufgabe und verschafft ihnen Erfolgserlebnisse.“ Auch der Ort profitiert von seinen berühmten Felsen, die in zwei dicken Führern verzeichnet und mit bis zu 8b- bewertet sind – damit ist die Schwierigkeitsskala des Boulderns nahezu ausgereizt. Obwohl die meisten Boulderer in Bussen auf den Parkplätzen im Wald wohnen, gehen sie doch im Ort einkaufen, tanken und essen – manche Restaurants geben ihnen sogar Rabatte. Vor allem in der Ferienzeit und an den Wochenenden kann es voll werden im Ort.

An diesen Tagen zieht Ivan weiter in den Wald hinein, den Bergkamm hinauf. „Dort gibt es unerschlossene Gebiete und Felsen, die noch niemand angefasst hat.“ Er wischt sich die Hände an seiner Jeans ab, pudrige weiße Striemen bleiben darauf zurück. „Vielleicht“, sagt er und lacht, „bewerten wir die neuen Areale einfach knüppelhart.“ Den Sportboulderern auf diese Art Streiche zu spielen, bereitet ihm Freude. „Wenn sie herkommen und an ihren 7c’s und 8a’s scheitern, schadet das ihrem Ego. Das spricht sich herum und dann wird das Gebiet nicht so überrannt.“ Er runzelt die Stirn. Das schnelle Abknipsen von Projekten und Sammeln von schweren Graden wie Trophäen kann er nicht verstehen. Ivan legt die Finger auf zwei winzige Kerben im Fels, erhöht prüfend den Druck. Ein Projekt, dass er sich selbst gesucht hat, die Linie ist nirgendwo verzeichnet. Es ist kaum vorstellbar, dass sich ein Mensch an diesen wenigen Millimetern emporziehen kann, doch Ivan ist zuversichtlich. Er beschäftigt sich gerne über Wochen oder Monate mit einer Linie, beobachtet die Evolution von Körper und Geist. Doch bevor er einen ernsthaften Versuch machen kann, kommt eine Gruppe Boulderer aus Finnland dazwischen. „Bist du der aus dem Führer?“, wollen sie wissen. Ob er ihnen vielleicht kurz mit diesem Griff helfen könne? Und dann ist er auch schon wieder weg.


Anmerkung: Dieser Text erschien in einer leicht veränderten Fassung zuerst im Reiseteil der Süddeutschen Zeitung.