Wandern wirkt. Bouldern auch. Klettern sowieso.

Bergsport ist gesund – sagt die Wissenschaft. Ach was. Unsere Pumpe muss arbeiten, die Muskeln sind aktiv, der Gleichgewichtssinn wird trainiert. So weit, so bekannt. Neuerdings aber wächst die Erkenntnis, dass gesund nicht nur unseren Körper meint, sondern auch die Psyche.

Jeder kennt den Effekt: Ein Tag draußen, frische Luft, die Konzentration ganz auf Bewegung und Umgebung gerichtet. Der Alltag ist weit weg. Der nächste Schritt, der nächste Armzug, viel mehr hat in unseren Gedanken keinen Platz. Vielleicht noch das Wetter, die Brotzeit, der Schlafplatz. Essentielles, vielleicht sogar Existentielles, beansprucht die volle Aufmerksamkeit. Am Abend dann beschert uns die Anstrengung des Tages wohlige Erschöpfung. Die Sonne hat uns frische Röte auf die Backen gemalt, der Kopf ist schwer und angenehm leer.

„Die meisten Bergsportler würden wohl ohne Zögern bestätigen, dass sich ihre Sportart positiv auf Körper und Geist auswirkt.“

ÖSTERREICHISCHER ALPENVEREIN

 

Was wir regelmäßig erleben, wurde bislang kaum systematisch untersucht. Diese Lücke füllt nun eine Studie des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV), die sich zum Ziel gesetzt hat, die Effekte von Bergsport auf die Gesundheit zu messen. Bisherige Untersuchungen hätten meist nur die Wirkung von Ausdauersport in der Ebene untersucht, nicht aber die einer sportlichen Betätigung, die auch Höhenunterschiede überwindet, so das Forschungsteam um Dr. Arnulf Hartl (Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg), Professor Martin Kopp, Martin Niedermeier (beide Universität Innsbruck) und Jürgen Einwanger (ÖAV). Sie interessieren sich explizit für Bergsportarten, die sie „als Summe aller Bewegungsformen in den Bergen“ verstehen: von Bergsteigen und Mountainbiken über Klettern und Bouldern bis hin zu Ski- und Hochtouren.

Bergsport befreit © Alpenverein/H.Düringer


Gelassenheit und gute Stimmung

Für ihre Feldstudie haben sich die Autoren die verbreitetste Spielart herausgegriffen: das Wandern. Das verglichen sie mit sitzenden Tätigkeiten und Joggen auf dem Laufband. Bei den 42 Probanden wurden der Blutdruck, die Herzratenvariabilität und die Herzfrequenz gemessen, dazu kamen Fragebögen zur psychischen Befindlichkeit und der subjektiv empfundenen Anstrengung zum Einsatz.

Während sich die beiden aktiven Gruppen hinsichtlich der physiologischen Parameter nicht groß unterschieden, schnitt das Wandern bei den psychischen Faktoren besonders gut ab. Bereits eine einzige Wanderung von etwa drei Stunden brachte positive Veränderungen der Stimmung und der Gelassenheit mit sich. Negative Gefühle wie Energielosigkeit und Angst sanken signifikant. Probanden auf dem Laufband legten eine ähnliche Entwicklung hin, allerdings in einem weit geringeren Ausmaß. Bei den Teilnehmern, die einer sitzenden Tätigkeit nachgingen, zeigte sich ein umgekehrtes Bild: Die Stimmung wurde schlechter, die Gelassenheit weniger, die Angst wuchs und die Energie schwand.

Bouldern gegen Depression

Effekte des Bergsports © Edith Steiner-Janesch

Eine ähnliche Wirkung haben Medizinier und Psychologen der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg beim Bouldern beobachtet. Über einen Zeitraum von acht Wochen verglichen sie die Depressionssymptome von zwei Gruppen. Während sich die erste Gruppe einmal pro Woche beim Bouldern verausgabte, durfte sich Gruppe zwei nicht sportlich betätigen.

Das Ergebnis: Bei der Boulder-Gruppe wurden schon ab dem ersten Tag deutlich niedrigere Merkmale von Depression beobachtet. „Wir konnten zeigen, dass die Depression im Mittel um einen Schweregrad besser geworden ist und dass der Effekt auch mindestens vier Monate angehalten hat“, sagt die Psychologin und Studienleiterin Katharina Luttenberger. Das therapeutische Bouldern bringt im Vergleich zur Kontrollgruppe demnach etwa so viel wie die besten der etablierten Therapieverfahren. Den Effekt erklären sich die Wissenschaftler mit verschiedenen Faktoren:

  • Bouldern konfrontiert direkt mit Gefühlen wie Angst und Frustration und erzwingt Lösungen für diese Probleme.
  • Bouldern befördert uns ins Hier und Jetzt und unterbricht damit Grübelschleifen.
  • Über Erfolgserlebnisse stärkt Bouldern das Selbstwertgefühl.
  • Bouldern ist sozial, beschert Gemeinschaftserlebnisse und fördert die gegenseitige Unterstützung.


Besser draußen

Die gleichen Vorteile bringt natürlich auch das Klettern mit sich. Studien haben deshalb gezeigt, dass Kletterer weniger ängstlich und gestresst sind als der Bevölkerungsdurchschnitt. Das Kraxeln am Seil beschert Flow-Zustände, baut Spannungen ab, verbessert die Stimmung, beugt Depression vor und steigert unsere Energie. Vor allem dann, wenn wir uns ins Freie wagen.

Denn: Forscher finden immer mehr Indizien dafür, dass uns die Natur positiv beeinflusst – körperlich wie geistig. So sinkt die durchschnittliche Konzentration des Stresshormons Kortisol deutlich, wenn wir uns im Grünen bewegen. Auch unser Blutdruck, die Lungenkapazität, die Abwehrkräfte und die Elastizität unserer Arterien verbessern sich. Und die als Glückshormone bezeichneten Botenstoffe Serotonin und Dopamin sind besser verfügbar.

Israelische Forscherinnen fanden außerdem heraus, dass uns Erlebnisse in der Natur mit inneren Konflikten und Sorgen konfrontieren können. Ihre Probanden berichteten davon, außerhalb der persönlichen Komfortzone ungeahnte Willenskraft und Stärke erlebt und Ängste überwunden zu haben. Die Wissenschaftlerinnen sehen die Natur deshalb als ein Vehikel, das uns zu persönlichem Wachstum befähigt und uns erlaubt zu erkennen, was im Leben bislang unstimmig war.

„Landscapes have the potential to promote mental well-being through attention restoration, stress reduction, and the evocation of positive emotions“

ANDREA ABRAHAM

 

Zu diesem Ergebnis kommt auch Andrea Abraham vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern. Zusammen mit Kollegen hat sie in der Studie „Landscape and well-being: a scoping study on the health-promoting impact of outdoor environments“  weitere Effekte der Umwelt auf unser Innenleben identifiziert. Bewegung im Freien fokussiert nach ihren Erkenntnissen unsere Aufmerksamkeit, reduziert unser Stressempfinden und beschert uns positive Emotionen. Die Autoren schlussfolgern deshalb, was wir natürlich längst wussten: Outdoorsport befreit, stärkt und macht glücklich.



MEHR DAZU:

Freischlag, J., & Freischlag, T. (1993). Selected psycho-social, physical, and technical factors among rock climbers: A test of the flow paradigm. Applied Research in Coaching and Athletics Annual, 24, 24-37.

Magni, G., Rupolo, G., Simini, G., De Leo, D., & Rampazzo, M. (1985). Aspects of the psychology and personality of high altitude mountain climbers. International Journal of Sport Psychology, 16, 12-19.

Motl, R. W., Berger, B. G., & Leuschen, P. S. (2000). The role of enjoyment in the exercise-mood relationship. International Journal of Sport Psychology, 31, 347-363.

Niedermeier, M., Einwanger, J., Hartl, A. & Kopp, M. (2016). Acute affective responses in uphill mountain hiking – a randomised controlled trial. The European Health Psychologist, 18.

Sturm, J. et al. (2012). Physical exercise through mountain hiking in high-risk suicide patients. A randomized crossover trial. Acta Psychiatrica Scandinavica, 126, 467–475.

Luttenberger, K. et al. (2015). Indoor rock climbing (bouldering) as a new treatment for depression: study design of a waitlist-controlled randomized group pilot study and the first results. BMC Psychiatry, 15, 201-223.

Gathright, J. et al. (2006). Comparison of the physiological and psychological benefits of tree and tower climbing. Urban Forestry & Urban Greening, 5, 141-149.

Abraham, A. et al. (2010). Landscape and well-being: a scoping study on the health-promoting impact of outdoor environments. International Journal of Public Health, 55, 59-69.

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