Das erste Mal: Alpine Mehrseillängen klettern

Wer vom Klettern nicht genug kriegen kann, wird sich früher oder später in eine Mehrseillängen-Route stürzen. Dort aber warten nicht nur Postkartenpanoramen, pumpige Arme und Felsenglück, sondern auch verzwickte Fragen nach Selbstsicherung, Redundanz und Seilblockierung. Lektionen eines ersten Mals.

Südwandschmankerl. Der Name klingt zu niedlich und will irgendwie nicht so recht zu meinem Herzrasen passen. Vorsichtig lasse ich die Finger über das silberne Schild gleiten, das den Einstieg in die Route markiert. Fünf Seillängen zieht sie sich den Buchstein hinauf, teils an einer Risslinie entlang, teils an Wandpassagen mit Henkeln, Leisten und Löchern. Die schwierigste Stelle ist mit einer 6- bewertet, der Rest bewegt sich im fünften UIAA-Grad. Der Name ist also Programm: Einfache Genusskletterei, keine krasse Herausforderung. Warum mir trotzdem die Pumpe geht? Zunächst einmal, weil man mich um sechs Uhr morgens von der Isomatte gescheucht, mit einem Seilsack versehen und fast zwei Stunden einen steilen Berg hinaufgejagt hat. Als Bouldermädchen bin ich anderes gewohnt: ausschlafen, Flip-Flop-Zustiege, regelmäßiges Chillen auf dem Crashpad und mindestens zehn Teepausen am Tag. Heute aber ist Eile angesagt. Erste Multipitch-Lektion: Sei vor allen anderen Seilschaften am Fels.

Im frühen Aufstehen übt sich, wer ein Alpinist sein will…

multipitch: Mehr Wand als Seil

Noch viel relevanter für meine kardiologischen Aussetzer: Heute steht meine erste Mehrseillänge an. Und mein erstes Mal klettern in den Alpen, die ich bisher eher zu Fuß, mit Skiern unter den Füßen oder einem Rodel unter dem Hintern erkundet habe. Beides ist ein Ergebnis meiner übereifrigen Art, „bin dabei“ zu sagen, wenn jemand von Dingen spricht, die ich noch nie gemacht habe. Und die am Ende noch was mit Bergen zu tun haben. Jetzt gibt es kein Zurück mehr: Wenn ich hier wieder runterkomme, werde ich keine Mehrseillängenjungfrau mehr sein.

Kurze Erklärung für alle, die auch eher auf Crashpads chillen und nach mehr als sechs Zügen ihre Ausdauer aus der Ferne winken sehen: Von einer Mehrseillängen- oder Multipitchtour spricht man, wenn mindestens zwei Seillängen hintereinander geklettert werden. Oder simpler formuliert: Es gibt mehr Wand als Seil. Anders als beim Sportklettern klippt man also nicht den letzten Haken und lässt sich wieder ab, sondern baut einen Stand und klettert vom Top der ersten Länge weiter. Und das ganze wieder und wieder, bis man irgendwann oben ankommt. In Summe also viele, viele Klettermeter und kein Bodenkontakt mehr für den Sichernden. Puh.

wenn Das Siebhirn stresst

Das Schöne: Viel, viel Kletterspaß am Stück, grandiose Aussicht, ein anderes Gefühl. Das Problem: Ausdauer und technisches Know-How sind gefragt. Vor allem Letzteres ist nicht meine Stärke. Während mir das Klettern selbst selten Kopfzerbrechen bereitet, tun es Knoten, Sicherungen, Stände umso mehr. Bei mir ist das ein generelles Problem. Ich komme ganz gut mit meinem eigenen Risiko klar, finde es aber schwer, Verantwortung für andere zu übernehmen und meinen technischen Handgriffen zu trauen. Auch weil ich weiß: Unter Stress schlägt gerne mein Siebhirn durch und versorgt mich mit Zweifeln. Kennt ihr das? Am Boden kann man alle Knoten problemlos knüpfen. Aber kaum hat man genug Meter unter sich, um bei einem Fehler sicher in den Tod zu stürzen, da fragt man sich, ob das Ding schon immer so aussah oder nicht irgendwie anders aussehen müsste.

Unsere Kletterwand für diesen Tag.

Zu wissen, dass an einem Knoten ein Menschenleben hängt, macht mich manchmal immer noch fertig. Deshalb habe ich ewig gebraucht, um mich beim Sichern sicher zu fühlen. Und nochmal länger, bis ich mich ohne Zitterfinger und Flatterherz umbinden konnte. Jetzt aber ist  deutlich mehr gefragt:  Abseilen, Stand bauen, nachsichern, Sicherungen legen – für Mehrseillängen braucht man zusätzliche Ausrüstung und mehr Vorplanung und Wissen als für normales Sportklettern. Da ist es nicht hilfreich, dass eines völlig klar ist: Gut vorbereitet sein geht anders. Erst am Tag zuvor habe ich mir ein Tube-Sicherungsgerät plus Karabiner zugelegt, vom Abseilen habe ich keinen Plan, von einem „Prusik“ noch nie gehört und bei der Begriff „Opferglied“ sorgt für schräge Assoziationen. Ich stelle fest, dass mir nicht nur eine Menge Wissen, sondern auch reichlich Zeug für diese Aktion fehlen. Nicht mal passende Bandschlingen habe ich dabei. Immerhin an einen Helm habe ich gedacht. Lektion Nummer zwei: You need a whole lot more stuff.

„Und jetzt du“: Der WTF-MOMENT AM ERSTEN STAND

Bevor hier jetzt alle ob meiner Naivität aufstöhnen und böse Kommentare schreiben: Ja, manchmal stürze ich mich etwas kopflos in solche Abenteuer. Aber: Immerhin habe ich mir drei sehr erfahrene Mehrseillängenmenschen ausgesucht, die meine Ausrüstungs- und Wissensdefizite charmant kompensiert haben. Und manchmal lernt man eben einfach durch tun. Also einbinden, einweisen, loslegen. Theo, mein Seilpartner für diesen Tag, steigt unbekümmert in die Tour ein. Ich habe ihn erst am Abend zuvor kennengelernt, aber ich mag ihn. Er hört die richtige Musik, könnte selbst Seglern noch was über Knoten erzählen, spielt Gitarre und hat Allgäuer Wurzeln. Das qualifiziert und erfüllt, wie ich finde, alle objektiv relevanten Kriterien des perfekten Seilpartners. Außerdem vermittelt er eine gute Mischung aus „passt schon“ und „geht schon“, also Sicherheit und Mut gleichermaßen. Während Theo im Fels turnt, verbleiben Lisa und Peter am Boden, um mir beim Sichern mit dem ungewohnten Tube über die Schulter zu schauen. Und siehe da: Ist kein Hexenwerk. Trotzdem erfordert das ganze etwas Gefühl, denn Theo ist schnell aus meinem Blickfeld hinausgeklettert. Irgendwann brüllt es von oben „Stand“ und ich darf nachsteigen. Endlich! Fels! Ich werde ruhig. Mein Kopf lässt sich von den gewohnten Bewegungen besänftigen, der kühle Fels verlangsamt meine Gedanken. Für ein paar Minuten zählt nur der nächste Zug, doch viel zu schnell bin ich oben. Hätte ich gewusst, was Theo plant, hätte ich mir ein wenig mehr Zeit gelassen…

Denn mein Seilpartner erwartet mich mit einem fröhlichen Grinsen und eröffnet mir direkt, dass ich die nächste Seillänge vorsteigen, einen Stand bauen und ihn nachsichern soll. WTF?! Meint der das ernst? Aber gut. Man hat ja auch seinen Stolz. Einmal in der Wand, verabschiede ich mich von dem Plan, die ganze Tour gemütlich und gedankenlos nachzusteigen. Zwei, drei Mal gehen wir die Handgriffe durch: Selbstsicherung, Redundanz schaffen, Tube so umfunktionieren, dass man damit nachsichern kann. Seilblockierung checken. Ich versuche, mir einzuprägen, wie alles richtig aussieht und kraxle los. Die zweite Länge ist etwas anspruchsvoller als die erste, doch auch hier bietet der handschmeichelnde Kalk einen intuitiven Weg nach oben. Am Ende quere ich leicht nach links und steuere einen Strauch an, der in der Wand wächst. Dort ist der nächste Standplatz, ein gemütlicher Fleck, an dem man gut stehen kann. Das Hirn ermahnt die Finger, ja nichts fallen zu lassen, während sich das Herz wieder meckert. Ich ignoriere alle drei und ziehe am Seil. Ziehe. Ziehe. Ziehe. Fluche ein bisschen. Es dauert, bis 70 Meter Kletterseil nach oben gezerrt und irgendwo verstaut wurden (nein, auf den Gedanken, es mir einfach schön sauber über die Beine zu legen, kam ich leider nicht). Ich hantiere ein bisschen herum und brülle weniger später lauthals mein allererstes „Stand“ in die Welt. Leider nicht laut genug, nichts passiert. Wir können uns nicht hören. Theo hat mich gewarnt, dass das passieren könnte, also rucke ich ein paar Mal kräftig am Seil. Sein Zeichen, dass er loslegen kann. Es funktioniert: Der Druck auf das Seil lässt nach, ich kann es einholen. Wenig später taucht Theos Kopf auf. Ich bin froh, dass er lebendig ist und gespannt, was er zu meinem Stand sagt. Lektion Nummer drei: Lerne nonverbale Kommunikation.

Belohnungsblick für den langen Zustieg.

ABSEILEN für anfänger

Die letzten Längen sind leicht und lassen sich an einem Stück klettern. Ziemlich schnell und überraschend unspektakulär endet meine erste Mehrseillänge. Und deshalb konnte ich nachts nicht schlafen? Oben angekommen steigen wir vom Buchstein ab und genehmigen uns auf der Tegernseer Hütte ein kühles Bier. Das geht bis Anfang November, dann macht die Hütte zu. Die Tour allerdings ist dafür bekannt, dass man sie auch im Herbst (Südwand, Baby!) noch gut klettern kann. Als wir uns in voller Klettermontur zwischen die Wanderer gesellen, bin ich ein bisschen stolz. Nein, arg stolz. Ich fühle mich wie James Bond, der gerade aus dem Heli hinab zum Volk geschwebt ist. Aber keine Sorge: Eine halbe Stunde später wird mein Selbstwertgefühlt wieder getrimmt, als wir uns vor den neugierigen Augen aller Hüttengäste abseilen müssen und ich meine Inkompetenz nicht länger verbergen kann. Wieder geht das Lernen los: Stand, Schlinge, Seile verbinden, Seile schmeiße, Tube sortieren, Prusik-Schlinge anlegen… mein Hirn platzt. Ich brauche ein paar Meter zum Warmwerden und Steuern der Geschwindigkeit, stelle dann aber fest: Das macht Spaß. Lektion Nummer vier: Abseilen erfordert Hirn und etwas Übung, ist aber eine extrem endorphintaugliche Sache. Und dieser Prusik, der kann schon was.

Ein paar Höhenmeter weiter unten besteigen wir etwas übermotiviert noch eine Felsnadel, bevor uns ein aufziehendes Gewitter zurück ins Tal zwingt. Erst jetzt merke ich, wie müde ich bin. Dass die Tour rein körperlich nicht besonders anstrengend war, mich psychisch aber gefordert hat. Und dass ein langer Zustieg auch einen langen Abstieg bedeutet. Und dass ich doch Socken in die Schuhe hätte anziehen sollen. Und dass mein Magen knurrt und meine Trinkflasche schon viel zu lange leer ist. Zurück am Parkplatz bin ich fix und alle, aber happy. Fazit: Halb so schlimm, doppelt so schön. Doch jetzt, wo ich mir keine Sorgen mehr über Mehrseillängen selbst machen kann, brauche ich selbstverständlich neue: Was passiert, wenn man beim Abseilen den Stand nicht findet? Wie verhält man sich, wenn der Seilpartner ausgeknockt wird, etwa durch einen Steinschlag? Kann man sich zu zweit abseilen? Was, wenn ich den Tube fallenlasse? Was, wenn der Vorsteiger in den Stand rasselt?

Aber das sind Fragen für einen anderen Tag. Die geliehene Prusikschlinge darf ich behalten und ich freue mich wie blöd darüber. Wie eine Trophäe baumelt das Ding nun an meinem Gurt. Es war schön, für einen Tag ein Berg- statt ein Bouldermädchen zu sein. Letzte Lektion des Tages: Mehrseillängen machen verdammt viel Spaß.


Zu viel Drama? Eine weniger emotional verseuchte Tourenbeschreibung findet ihr hier:

 

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