Was tun bei Gewitter?

„Viel Spaß beim Sterben“, brüllt ein Wanderer zu mir hoch. Gerne würde ich zurückpatzen, aber dafür ist keine Zeit. Während ich mich mit zittrigen Händen umbaue, verschwinden die Gipfel hinter mir in zornig schwarzen Wolken. Ja: Es war dumm, noch in diese Tour einzusteigen. Aber die Felsnadel sah einfach zu verlockend aus…

Um es vorweg zu nehmen: Niemand ist gestorben. Wobei: Hätte ich den Wanderer bei unserem eiligen Abstieg vom Roßstein noch getroffen, wäre er ein Kandidat gewesen. Das Gewitter zog vorbei, wir sind sicher und trocken unten angekommen. Zurück im Bus, bei heißem Kakao und Bier, entsponn sich dann aber eine Diskussion über das richtige Verhalten bei Gewitter. Schließlich kann sich gerade in den Bergen das Wetter schnell von blaublankpoliert zu Weltuntergang wandeln. Quintessenz: Alle wussten sie ein bisschen was, niemand so richtig. Daher haben wir beschlossen, der Sache mal richtig auf den Grund zu gehen und herauszufinden, wie man sich bei Gewitter am schlausten verhält. Erste Erkenntnis der Recherche: Junge, männliche Outdoorsportler führen die Statistik der Blitzschlagopfer an. Jungs, overthink your Risikoverhalten! Aber zur Sache: Nachdem ich mit einem Gewitterjäger, einem Blitzforscher und einem Neurologen gesprochen habe, kommt hier also unser großes How-to-not-erschlagen-werden:

So vermeidet IHR, in ein Gewitter zu geraten:

  • Eigentlich logisch, aber trotzdem: Wetterbericht vor jeder Bergtour sorgfältig checken. Und zwar nicht auf der Handy-Standard-App, sondern mit einem ordentlichen Dienst, den auch Meteorologen absegnen würden: Meteoblue, Wetter-Online  oder Niederschlagsradar zum Beispiel.
  • Die Blitzalarm-App von Nowcast bietet aktuelle Gewitter-Daten. Das ist eine aus einem Forschungsprojekt der TU München hervorgegangene Firma, die Blitze in Echtzeit ortet und die Zugrichtung von Gewittern sehr genau voraussagen kann. Die Daten werden vom Deutschen Wetterdienst, Flughäfen, Bahn und Militär genutzt  – sie sind also auch gut genug für uns.
  • Der Blick zum Himmel sollte in den Bergen obligatorisch sein. Im Zweifel lieber rechtzeitig absteigen oder eine Hütte aufsuchen. Sieht man Blitze am Horizont, hört aber keinen Donner, so ist das Gewitter noch mindestens 18 Kilometer entfernt. Auf dieser Strecke wird der Schall nämlich geschluckt.
  • Wer wissen will, wie weit ein Gewitter noch entfernt ist, kann die Sekunden zwischen Blitz und Donner zählen und das Ergebnis durch drei teilen. So kommt man auf die Kilometer, die das Gewitter noch entfernt ist.
  • Nicht in falscher Sicherheit wiegen: Da sich Gewitter oft mit weit über 100 Stundenkilometern fortbewegen, bleiben selbst bei zehn Kilometern und mehr oft nur Minuten, um sich in Sicherheit zu bringen.
  • Gut zu wissen: Es ist ein Trugschluss, dass nur bei Regen Gefahr besteht. Blitze können auch vom vermeintlich blauen Himmel schießen und bis zu fünf  Kilometer vom eigentlichen Gewitterzentrum entfernt einschlagen.
  • Die in den Bergen typischen Sommergewitter treten typischerweise am Nachmittag oder frühen Abend auf. Also lieber früh raus aus den Federn und zur Mittagszeit zurück sein.


wenn IHR VON EINEM Gewitter ÜBERRASCHT WERDET:

  • Abstand halten: Mindestens drei Meter zu anderen Menschen, mindestens zehn zu erhöhten Stellen wie Bäumen, Masten, Seilbahnstützen, Gletschertischen, Türmen, Gipfelkreuzen etc.
  • In die Hocke gehen: Eine Mulde im Boden suchen und mit geschlossenen und angezogenen Beinen in die Hocke gehen. NIE flach hinlegen – das bietet dem Strom mehr Angriffsfläche.
  • Isolation schaffen: Wer kann, sollte sich auf eine isolierende, trockene Unterlage hocken – etwa ein Kletterseil oder einen Rucksack. Je weniger Kontaktfläche zum Boden besteht, desto geringer ist das Risiko.
  • Metall loswerden: Metallene Ausrüstungsgegenstände wie Eispickel, Karabiner, Sicherungsgerät, Mountainbike etc. ein gutes Stück entfernt ablegen. Sie ziehen Blitze zwar nicht an, sind aber im Falle eines Einschlags gute elektrische Leiter.
  • Weg vom Wasser: Bächen, Seen und moosigen Flächen sollte man genau wie wasserführende Rinnen meiden – Wasser leitet Strom nämlich ganz wunderbar.
  • Erreichbar bleiben: Das Handy kann im Rucksack und angeschaltet bleiben. Es zieht Blitze nicht an und übersteht Gewitter in der Regel unbeschadet.
  • Worst case: Wer im Klettersteig überrascht wird, hat ein Problem. Das Drahtseil wirkt wie ein überdimensionaler Blitzableiter. Bietet das Gelände die Möglichkeit, vom Seil wegzukommen, sollte man das tun. Wenn nicht: Selbstsicherung bleibt bestehen – wenn möglich aber nicht im Drahtseil, sondern in einem Eisenhaken.
  • Ein (dichter) Wald bietet etwas Schutz, einzelne Bäume nicht. Auch Höhlen können einen gewissen Schutz bieten, wenn sie groß genug sind. Der Abstand zu Wänden und Eingang muss dafür mindestens eine Körperlänge oder mehr betragen. Kleine Nischen oder Überhänge sollte man wegen möglicher Kriechströme meiden.
  • Anzeichen für unmittelbare Blitzschlaggefahr: Kribbeln der Kopfhaut, Sträuben der Haare, Surren von Metallgegenständen, leises Knistern und bläuliches Leuchten (Elmsfeuer) an Metallgegenständen wie Gipfelkreuzen.


Sinnlose, aber spannende fakten: 

  • Die meisten Blitzeinschläge enden nicht tödlich. In mehr als 50 Prozent der Fälle haben Überlebende aber dauerhaft mit schweren neurologischen Schäden wie Lähmungen, Herz-Rhytmusstörungen, Zittern etc. zu kämpfen.
  • Wird ein Mensch vom Blitz getroffen, schießt in Bruchteilen von Sekunden ein Strom von etwa 40.000 Ampere und 100 Millionen Volt durch den Körper. Zum Vergleich: Eine normale Steckdose hat  etwa 16 Ampere und 230 Volt.
  • In Deutschland werden rund 200 Menschen jährlich getroffen.
  • Mehr als zwei Drittel der Betroffenen überleben einen Blitzschlag, denn die wenigsten werden direkt getroffen: Meist springt der Strom von Bäumen, anderen Menschen, Masten oder anderen Gegenständen auf sie über.
  • Ein Blitz hinterlässt selten sichtbaren Spuren auf dem Körper. Die meisten Betroffenen leiden trotzdem ein Leben lang unter den Folgen. Mediziner machen dafür winzige Verletzungen des Nervensystems verantwortlich.
  • Deutschland ist in Sachen Gewitter global betrachtet nur eine kleine Nummer. Die Blitzhochburg der Welt ist die Gegend rund um den Maracaibo-See im Nordwesten Venezuelas.

 


Und die wussten das:

Prof. Ingo Kleiter: Chefarzt und Medizinischer Geschäftsführer der Marianne-Strauß-Klinik mit Schwerpunkt Gewittermedizin

Jonas Piontex: Gewitterjäger bei gewitterjagd.net

Daniel Betz: Blitzforscher und Produktentwickler bei Nowcast