Gegen Herbstdepressionen: Klettern auf Sardinien

Normalerweise nagt die Kombination Meer und Bohrhaken ähnlich aggressiv am Vertrauen wie Salzwasser an Metall. Sardinien bietet trotzdem Klettergenuss vom Feinsten. Vor allem eine Felsnadel hat sich tief in unsere Herzen gebohrt.

Merke: Erst den Kletterführer studieren, dann die Unterkunft buchen. Und nicht einfach denken: Kann man sicher überall klettern. Ganz so simpel ist das nämlich selbst im Kletterparadies Sardinien nicht. Zwar ist die Insel voller Felsen, doch gerade im Norden gibt es deutlich mehr Trad- als Sportkletterrouten. Natürlich sind wir genau dort gelandet, obwohl es uns eindeutig an Fähigkeiten, Ausrüstung und Eiern für Abenteuer solcher Art mangelt.

Vorneweg: Richtig umfassend haben wir das Klettern auf Sardinien nicht getestet, denn auf der Insel waren wir eigentlich für unseren Herbstflucht-Dekadenz-Urlaub. Das heißt: Häuschen am Meer statt Bus, edler Rotwein statt Tee aus der Thermoskanne und mehr Muggel als Kletterer am Start. Aber ein paar Tagesausflüge und bleibende Eindrücke gab es trotzdem – und die wollen wir euch nicht vorenthalten, denn Sardinien wird seinem Ruf als Klettereldorado wirklich mehr als gerecht. Wer also gerade überlegt, die Insel mal auf die Liste seiner Urlaubsziele zu setzen: do it!

Klettern, Baden, CHILLEN – und wieder von vorne…

Am meisten Zeit haben wir in der Gegend rund um Cala Gonone an der Ostküste verbracht. Der Ort ist eines der bekanntesten Klettergebiete der Insel und ziemlich touristisch, entsprechend voll war es Mitte Oktober noch. Vielleicht lag es am Wein, am türkisblauen Wasser oder den Urlaubs-Vibes, aber so richtig gestört haben uns die vielen Menschen nicht. Sich direkt am Meer an feinstem Kalkstein emporzuziehen, dabei nur blaues Nichts im Rücken und das Geräusch der Wellen im Ohr zu haben, macht erstaunlich sanftmütig.


Die perfekte Kombination aus Strand und Klettern: Cala Fuili

Zu unserem Lieblingsspot hat sich die kleine Kieselstrand-Bucht Cala Fuili entwickelt, die sich vom Strand aus mehrere Kilometer ins Landesinnere schlängelt. Die ganze Schlucht ist mit Kletterrouten gespickt, insgesamt gibt es hier sieben Sektoren. In Raoni und Fuili geht es eher gediegen zu, während man sich in Tritoni, Pederiva und Tribuna richtig kaputtpumpen kann. In der Schlucht finden sich übrigens auch moderate Mehrseillängen wie „Acracadabra“ (5c/6a) oder „Vento in poppa“ (5b,5c+,6a) – und sie hat einen enormen Pluspunkt: Weil das Tal so eng ist, spenden sich die Wände gegenseitig Schatten. Man findet also fast immer ein kühles Plätzchen zum Kraxeln.

LYNN HILL WAS HERE

Wir haben die meiste Zeit faul direkt am Strand im Sektor Fuili zugebracht, wo es eine Wand direkt über dem Meer mit Touren im Bereich 5a bis 7c+ gibt und eine Wand rechterhand , die mit einem besonderen Highlight ausgestattet ist: der von the one and only and faboulous Lynn Hill erstbegangenen Route „Porto io i Nuts“ (6a+). Die Tour hält besonders im letzten Drittel einige spannende Züge bereit, die uns ein paar Stürze ins Seil beschert haben. Insgesamt gibt es gerade in den Strandsektoren aber viele Touren in den einfacheren Graden, schöne Plaisirkletterei, sehr nervenschonend abgesichert.

Die Temperaturen sind Mitte Oktober völlig in Ordnung, wenn man nicht ultrahart projektieren will. Und das Wasser ist noch warm genug, um sich nach dem Klettern darin abzukühlen. Die Kombination Baden und Klettern macht wirklich süchtig, zumal Muskeln und Füße im Wasser schneller als sonst regenerieren. Der Kalkstein ist sehr solide und griffig und besteht überwiegend aus kompakten Strukturen mit Löchern, Leisten und Henkeln – insgesamt ist er aber weniger löchrig als etwa im Frankenjura. Sicher erwähnenswert: Sardinien ist felsmäßig ein fettes Wunschkonzert. Neben dem dominierenden Kalk gibt es auf der Insel auch Sandstein, Quartzit, Granit und Basalt. Genauso vielfältig ist die Bandbreit der Spielarten des Kletterns. Ob Bouldern, Trad- oder Sportklettern, Mehrseillängen oder alpin anmutende Touren – es ist für jeden was dabei. Für Profis, Oberchecker und Bizepshelden übrigens auch Multipitch-Routen wie „Hotel Supramonte“, die mit zehn Seillängen im Schwierigkeitsgrad 8b um die Ecke kommen. Schluck. Das Ding haben wir natürlich nur ehrfürchtig von unten beäugt, es gilt als eine der schwersten Mehrseillängen der Welt. Auch mal gucken? Babsi Zangerl hat das Ding 2012 weggeknipst:

Wir haben uns dann doch lieber für eine Normalsterblichen-Mehrseillänge entschieden: Die “Aguglia” in der Region Baunei. Das ist eine rund 140 Meter hohe Felsnadel an einer der schönsten Buchten des Mittelmeeres, der Cala Goloritzé. Klingt nach Urlaubsbroschüre, ist aber Postkartenrealität. Die Bucht ist nur mit einem Boot oder über einen alten Maultierpfad zu erreichen und unfuckingfassbar schön. Vor allem, wenn man sie vom Gipfel der Aguglia betrachtet 😉 Weil es so schwer ist, diesen Ort in Worte zu fassen, überlassen wir das an dieser Stelle Mauricio Oviglia, dem Verfasser der Kletterführer für Sardinien. Er schreibt dazu: „Spricht man von der Cala Goloritzé, überschlagen sich die Superlative: Sie ist die schönste Bucht des Mittelmeeres, zumindest was das Klettern im engen Kontakt mit der Natur und dem Meer angeht. Ich kenne keinen anderen Ort, der so wild und schön ist, wo der rundum perfekte Fels so unglaublich mit dem Türkisblau des Meeres kontrastiert …“ Das kann man so stehen lassen.

AUF DER SUCHE NACH SUPERLATIVEN

Der leichteste Weg auf die Felsnadel führt über die Tour „Easy Gymnopedie“, die fünf Seillängen im Schwierigkeitsgrad von 5c bis 6c umfasst. Da es für Elmar die erste und für mich nach dem Abenteuer am Buchstein die zweite Mehrseillänge
überhaupt ist, entscheiden wir uns dafür. Obwohl wir schnell feststellen, dass wir uns mit den Graden leicht vertan haben (Merke: Skalen sind sehr unterschiedlich), klappt es ganz gut. Zwei, drei Schlüsselstellen hat die Route aber in sich, die vor allem für kleine Menschen knifflig zu lösen sind. Auch mit Rucksack zu klettern ist nicht die spaßigste Sache der Welt. Gut, dass uns der Esel, den wir beim Abstieg in die Bucht getroffen haben, um die Hälfte unseres Bananen-Proviants erleichtert hat. Als wir schließlich auf dem recht knapp bemessenen Gipfel (mehr als zwei Personen haben hier nur schwer Platz) ankommen, haut es uns vor lauter Endorphinen fast wieder runter. Ich werde nicht weiter versuchen, Worte dafür zu finden. Nur soviel sei gesagt: Klettert auf dieses Ding, auch wenn es wahrlich kein Geheimtipp ist. Ihr werdet es nicht bereuen. Definitiv eine Aktion, von der wir im Nachhinein sagen würde: Muss man gemacht haben.


© Fotos: Nina Himmer, Lukas Schulze, Elmar Witt

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