What’s up, Alpen?

1.800 Kilometer und 60.000 Höhenmeter marschierte der Schweizer Geologe Dominik Siegrist durch die Alpen – das erste Mal vor 25 Jahre, das zweite Mal in diesem Sommer. Sein Weg: einmal durch den Alpenbogen von Wien nach Nizza. Sein Ziel: die Veränderung der Land- und Ortschaften im Alpenraum zu dokumentieren. Seine sieben wichtigsten Erkenntnisse hat er nun vorgestellt.

Im normalen Leben leitet der Geologe Dominik Siegrist den Fachbereich Landschaftsarchitektur an der Hochschule Rapperswil in der Schweiz. Diesen Sommer macht er sich zu einer Feldforschung der besonderen Art auf: Von Juni bis September durchwanderte er gemeinsam mit Kollegen und interessierten Begleitern Teile der Alpen in Österreich, der Schweiz, Italien und Frankreich. Das selbstfinanzierte Whatsalp-Projekt ist die Fortsetzung einer Idee, die 1992 begann. Schon damals wanderte eine Gruppe die selbe Route von Wien bis nach Nizza, um eine Bestandsaufnahme der Alpen anzufertigen. In diesem Jahr zeigte sich, was sich in der Zwischenzeit verändert hat – und das ist eine Menge.

Bei einem Vortragsabend der Naturfreunde München berichtete Siegrist von seinen Weitwandererlebnissen und den zentralen Veränderungen, die seine Gruppe feststellen konnte. Hier seine sieben wichtigsten Beobachtungen:

Beobachtung 1: Die Folgen des klimawandels werden immer deutlicher sichtbar.

Klimawas? Bei seiner ersten Alpendurchquerung vor 25 Jahren war der Klimawandel noch kaum ein Thema und nicht im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Das hat sich geändert: Im Jahr 2017 ist er die zentrale Herausforderung. „Während unserer Wanderung beobachteten wir zahlreiche Spuren der Klimaerwärmung und deren Folgen für Natur und Mensch. Besonders augenfällig war der beschleunigte Rückgang der Gletscher“, so der Whatsalp-Wanderer. Kurz nach ihrem Besuch im Bergell gab es im Bondasca-Tal einen großen Bergsturz und auch an zahlreichen anderen Orten fielen den Wanderern deutliche Spuren von Hochwasser, Bergstürzen und Murgängen auf. „Wir haben außerdem aufwändig erstellte Schutzbauten bemerkt, die es 1992 in diesem Ausmaß noch nicht gab.“ Ein weiteres Zeichen für den Klimawandel: der massive Ausbau der künstlichen Beschneiung in vielen Skigebieten, Maßnahmen wie Snowfarming und abgedeckte Gletscher. „Strategien gegen die Klimaerwärmung und deren Folgen werden zwar im Vergleich zu 1992 vielerorts deutlich stärker diskutiert“, sagt Siegrist, „ernsthafte Ansätze hin zu einer klimaverträglichen Alpenentwicklung wurden uns aber nur an wenigen Orten vorgestellt.“

Beobachtung 2: Dem Intensivtourismus stehen neue Formen des naturnahen Tourismus gegenüber.

In Punkto Tourismus beobachtete die Wandergruppe um Dominik Siegrist zwei konträre Bewegungen: Einerseits konnten sich in manchen Gegenden sanfte und naturnahe Tourismusformen etablieren. Vor allem im Sommertourismus sind in diesem Bereich zahlreiche neue Aktivitäten und Angebote entstanden, etwa Mountainbiken, Themenwandern oder Abenteuerevents. Andererseits hat die Aufrüstung in den großen Tourismusorten noch einmal ordentlich zugenommen. Sie konkurrieren global und stehen deutlich stärker unter Druck als noch 1992. Die sichtbaren Folgen: Ausbau und Zusammenschlüsse von Skigebieten, neue Skipisten, künstliche Beschneiungsanlagen, Bau von Speicherbecken und Downhill-Trails. „Diese identitätslosen, technisierten Skilandschaften zu durchwandern war für uns äußerst befremdlich und hatte mit Naturerleben nur wenig zu tun“, erzählt Siegrist. „Außerdem stellt sich die Frage, inwieweit die ausgebauten Skigebiete in Zukunft überhaupt noch rentabel betrieben werden können.“ Sein klares Urteil zur geplanten Skischaukel am Riedberger Horn: „Das ist ökologisch wie ökonomisch absoluter Unsinn.“

Beobachtung 3: Der verkehr hat stark zugenommen.

Whatsalp traf in Österreich, der Schweiz, Italien und Frankreich auf neun große, alpenquerende Transitstraßen. Auf den meisten dieser Achsen hat der Güterverkehr stark zugenommen. Das belastet die Alpentäler mit Luftschadstoffen und Lärm. Die ausgebauten Verkehrswege beanspruchen aber auch immer mehr Fläche in Gebieten, die aus topographischen Gründen ohnehin über wenig nutzbares Land verfügen. „Nach unserer Wahrnehmung hat sich der motorisierte Freizeitverkehr auf der Straße seit 1992 mindestens verdoppelt. Besonders aufgefallen ist uns die starke Zunahme von schweren Motorrädern“, sagt Siegrist. Das hängt aus Sicht der Forscher nicht nur mit der zunehmenden Motorisierung der Gesellschaft, sondern auch mit dem Neubau und der Verbesserung vieler Bergstraßen zusammen. Ihr Fazit: „Trotz einer Reihe von Projekten zur Förderung der sanften Mobilität gelingt es insgesamt nicht, den überbordenden Freizeitverkehr in den Alpen zu besänftigen. In der EU fehlen bisher Instrumente zur Verlagerung des Transitgüterverkehrs auf die Schiene.“

Beobachtung 4: Die Energiewende führt zu neuen Konflikten zwischen Energieprojekten und Landschaftsschutz.

„Wir stellten erleichtert fest, dass die meisten der Pumpspeicherprojekte, deren Standorte wir 1992 besuchten, heute nicht mehr aktuell sind“, sagt Dominik Siegrist. „Stattdessen stehen neue Kraftwerksprojekte zur Diskussion, die mit der Energiewende begründet werden.“ Insgesamt ist deren Beitrag zur zukünftigen Energieversorgung aber relativ gering. Weil intakte Berglandschaften für den Ausbau erneuerbarer Energiequellen zerstört werden sollen, gibt es mehr und mehr Konflikte in Naturschutzkreisen. „In allen Ländern entlang der Route sind uns zahlreiche neue Kleinkraftwerke aufgefallen. Sie wurden oftmals mit wenig Sensibilität in die empfindliche alpine Landschaft gebaut“, so der Geograf. „Neue Windkraftanlagen haben wir wenige angetroffen, dafür aber vor allem in Österreich und Südtirol etliche Solaranlagen auf den Hausdächern.“

Beobachtung 5: Im Rahmen von neuen Parks und Grossschutzgebieten stellt sich die Frage: Kulturlandschaft oder Wildnis fördern?

Seit 1992 ist eine Reihe neuer National- und Naturparks entstanden. Sie schützen die Landschaft vor Energieprojekten und Skigebieten. Für viele Parks stellt sich aber die Frage, wie stark sie die traditionelle alpine Kulturlandschaft erhalten oder inwieweit sie eine neue Wildnis fördern sollen. „Die Diskussion ist eng verknüpft mit Fragen der Biodiversität und der Bevölkerung der betroffenen Talschaften“, so Siegrist. „Auch die Problematik der Großraubtiere wie Bär und Wolf, die sich nicht an Länder- und Schutzgebietsgrenzen halten, wurde von unseren Gesprächspartnern immer wieder thematisiert.“

Beobachtung 6: IN VIELEN TÄLERN HAT SICH die biologische Berglandwirtschaft durchgesetzt. An anderen Orten dominiert weiterhin eine intensive Land- und Forstwirtschaft.

Bei der Milch- und Fleischproduktion sowie beim Anbau von Kräutern, speziellen Getreidesorten und Obst hat sich in einigen Regionen die biologische Landwirtschaft durchgesetzt. An anderen Orten beobachteten die Whatsalp-Wanderer weiterhin eine intensive, unökologische Landwirtschaft mit großflächigen Monokulturen und massivem Pestizideinsatz. Besonders auffällig waren die Auswirkungen der intensiven Forstwirtschaft: Kahlschläge und große Waldstraßen durchzogen immer wieder die Landschaft. Aber auch viele Naturwälder und Waldreservate waren entlang der Route zu sehen. „Nach wie vor ist die Berglandwirtschaft in den Ländern und Regionen der Alpen sehr unterschiedlich ausgeprägt“, so Dominik Siegrist. „In vielen Gebieten der italienischen und französischen Westalpen ist sie fast vollständig zum Erliegen gekommen. In der Folge verbuscht die Kulturlandschaft immer mehr.“

Beobachtung 7: Die Bevölkerung der Alpen ist stark gewachsen, trotzdem leiden viele Regionen an einer weitreichenden Abwanderung.

Die Bevölkerung der Alpen ist in den vergangenen 25 Jahren stark gewachsen. „Die Bevölkerungsdynamik ist jedoch regional sehr unterschiedlich“, so Siegrist. „Während die Besiedlung in den Einzugsgebieten der Städte und in vielen großen Tälern der Alpen stark zugenommen hat, stagniert die Bevölkerung in den Randregionen oder nimmt dort weiter ab. Auch die Altersstruktur hat sich in vielen Gebieten verändert, so haben wir zum Beispiel in den Randregionen deutlich weniger Jugendliche angetroffen als noch vor 25 Jahren.“ Und ein weitere Herausforderung wurde deutlich: Die Ankunft vieler Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten via Italien überfordert die Grenzregionen in den Alpen. Sie landen in den auf ihrem Weg zur „grünen Grenze“ in den oft finanzschwachen Berggemeinden. In mehreren Regionen haben die Wanderer deshalb engagierte lokale Initiativen getroffen, die sich für die Flüchtlingshilfe einsetzen.

Fazit: Der Alpenraum kann und muss nachhaltiger gestaltet werden.

„Wir haben in den Alpen immer noch viele intakte Naturressourcen angetroffen“, sagt Siegrist. „Wenn der politische Wille vorhanden ist, können diese Ressourcen mit geeigneten Strategien und Maßnahmen geschützt und nachhaltig genutzt werden. Kein geeignetes Rezept ist aber das beharrliche Festhalten an überkommenen Strukturen und Konzepten wie die einseitige Fixierung auf Skitourismus, motorisierten Individualverkehr und industrielle Landwirtschaft.“  In weiteren 25 Jahren, so hofft er, treffen die vielen ökologischen Herausforderungen vielleicht auf ein größeres Problembewusstsein und es werden mehr nachhaltige Projekte umgesetzt. Dominik Siegrist selbst wird sich 2042 nicht mehr persönlich auf den Weg machen, um sich einen Blick über die Lage zu verschaffen. „Aber eine Gruppe jüngerer Wanderer wird dann bestimmt erneut aufbrechen.“

Fotos: www.whatsalp.org

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