„Früher war Klettern mehr Spirit als Sport“: Fünf Fragen an die Huberbuam

Hochmutmädels treffen Huberbuam: Anlässlich der Premiere eines neuen Films über das berühmte Brüderpaar hatten wir Gelegenheit, mit Thomas und Alexander Huber zu sprechen. Erwartet haben wir riesige, ruppige und einschüchternde Monsterkletterer. Doch dann saßen wir zwei sehr charmanten und reflektierten Menschen gegenüber, die uns etwas über gebrochene Schädel, starke Seilpartner und das Einswerden mit der Wand erzählt haben.

In Sachen Klettern wart ihr Zwei immer ziemlich bad-ass-mäßig unterwegs: Free Solo an den Drei Zinnen, Finger abfrieren in Alaska, Speed-Rekord an „The Nose“. Tut es euch – mit Blick auf Olympia und Hallenboom – weh, wie sich die Kletterszene entwickelt hat?

Alexander: Eigentlich nicht. Sicher war Klettern früher etwas puristischer und existenzieller, das hat sich geändert. Es sind viele Aktive hinzugekommen, die das Ganze mehr als Sport und weniger als Abenteuer begreifen. Das äußert sich dann eben in solchen Dingen wie Olympia. Aber auch heute gibt es immer noch genug Leute, die das Klettern so leben wie wir es getan haben. Außerdem ist das Wettkampfklettern ja nur ein winziger Teilbereich des Bergsports. Was das Klettern und Bouldern im Breitenbereich angeht: Das können wir nur unterstützen und finden es in jeder Hinsicht positiv. Der Mensch bewegt sich – und genau das braucht er.

Der Film „100 Jahre Huberbuam“ zeigt einige eurer größten Erfolge, aber auch sehr schonungslos Tiefpunkte wie gescheiterte Expeditionen, Zoff zwischen euch Brüdern und den Sturz, bei dem Thomas sich im vergangenen Jahr einen Schädelbruch zugezogen hat…

Thomas: Das war in der Tat heftig. In meinem Leben gibt es zwei Ereignisse, die für mich sehr viel verändert haben: Diesen Unfall und den Nierentumor, der 2011 bei mir diagnostiziert wurde. Das hat viel relativiert in meinem Leben und mir klar gemacht, dass erst ein funktionierender Körper das alles erlebbar macht. Und wie schnell es damit vorbei sein kann…

Brüder und Seilpartner: Thomas und Alexander Huber.

Hast du mal ans Aufhören gedacht?

Thomas: Nein. Aber ich bin achtsamer geworden mit meinem Körper und habe meine Prioritäten neu sortiert. Zum Beispiel ist meine Familie mein höchster Gipfel. Nicht im Sinne einer Herausforderung, sondern im Sinne von: mein größter Erfolg, mein wertvollstes Geschenk. Kein Berg der Welt wäre es wert, das zu verlieren. Aber Aufhören ist deshalb noch lange keine Option. Die Berge sind unser Leben, unsere Art, uns auszudrücken und das zu tun, wofür wir wirklich brennen. Würde ich das aufgeben, würde ein großer Teil von mir verschwinden. Dieses Gefühl, am Berg ausgesetzt zu sein und sich in dieser lebensbedrohlichen Welt zu bewegen, darauf kann ich nicht verzichten. Zu spüren, wie man ohne zu denken perfekt funktioniert und wie stark wir als Gemeinschaft sein können, ist unfassbar. Die Summe unserer Personen ist in den Bergen mehr. Ich will nicht esoterisch werden, aber so eine Wand ist eine Herausforderung. Du machst eine Tür auf und betrittst einen autarken, archaischen Raum. Am Anfang des Abenteuers bist nur ein Bergsteiger, aber dann wirst du ein Teil der Wand und verschmilzt mit der Situation. Du lebst nur noch, um zu überleben, die Dinge reduzieren sich total. Und wenn du es schaffst, gehst du am Ende wieder raus durch diese Tür und zelebrierst das Leben.

Du sprichst eure Stärke als Seilschaft an. Sagst, ihr seid mehr als die Summe eurer Personen. Inwiefern? 

Thomas: Vertrauen ist der wichtigste Faktor wenn es darum geht, Grenzen zu beschreiten. Bei uns wurde das Vertrauen von Geburt an geprägt und durch unseren Vater gefördert. Gemeinsam sind wir stärker als es jeder für sich wäre, wir bügeln unsere Schwächen aus. Aber das klappt auch nicht immer. Wenn wir uns nicht einig sind, heben wir unsere Stärken gegenseitig auf und nichts geht mehr. Als Brüder gibt es natürlich viele Konflikte und Auseinandersetzungen, da knallen manchmal zwei starke und unterschiedliche Charaktere aufeinander. Aber daran wächst man. Man reflektiert, man reift, man respektiert sich. Das hat uns als Menschen sehr geprägt.

Alexander: Es gibt so viele Seilschaften auf der Welt. Was uns von ihnen unterscheidet ist die Tatsache, dass wir Brüder sind. Dass wir nicht nur unsere Leidenschaft teilen, sondern auch unser Blut.

Der Film blickt zurück auf eure Abenteuer. Wenn ihr das tut: Was sind für euch persönlich Highlights und Tiefpunkte?

Thomas Huber, Latok, Pakistan

Alexander: Unser größtes Highlight hat nie Schlagzeilen gemacht, war aber trotzdem sehr einprägsam: Als wir Kinder waren, hat uns unser Vater mit auf einen 4000er genommen. Ich war gerade 11 Jahre alt, Thomas 13. Als so kleiner Bub kannst du dir nicht vorstellen, solch einen riesigen Berg zu erklimmen. Aber Schritt für Schritt und mit jemandem, der dir Sicherheit vermittelt, geht es. Und auf einmal stehst du am Gipfel und bist komplett überwältigt. Das war ein sehr nachhaltiges Erlebnis und auf jeden Fall ein Höhepunkt. Abgesehen davon habe ich immer die Dinge am intensivsten empfunden, die wir zum ersten Mal gemacht haben. In unserer Jugend gab es eine Zeit des Sturm und Drangs, da haben wir so viel ausprobiert, das war der Wahnsinn. Heute sind diese Gefühle natürlich weniger intensiv – wir sind jetzt erfahrene Bergsteiger mit einem wirklich großen Erlebnisschatz.

Thomas: Mein größter Tiefpunkt war eine Expedition, die mein Bruder krankheitsbedingt abbrechen musste. Wir waren im Himalaja unterwegs und als ich die Fixseile vom Berg holen wollte, habe ich Freunde aus der Schweiz getroffen. Sie haben mitbekommen, dass wir abbrechen mussten und angeboten, mich an Alexanders Stelle zu begleiten. Also bin ich mit Iwan Wolf „Shivas Line“ geklettert. Isoliert betrachtet war das ein geniales Erlebnis, für das wir später sogar mit dem Goldenen Eispickel ausgezeichnet wurden. Trotzdem bereue ich es heute. Ich war so auf den Berg fixiert, dass ich die Tragweite meiner Entscheidung nicht realisiert habe. Was es für Alexander bedeutet hat, krank da unten zu stehen, während ich das durchziehe. Aufgrund dessen haben sich unsere Wege danach erstmal getrennt und jeder hat sein eigenes Ding gemacht. Ich habe mich dem Expeditionsbergsteigen gewidmet, Alexander dem Sportklettern. Das war eine harte, aber wichtige Erfahrung. Jeder hat sich gefunden. Doch irgendwann wurde mir klar: Wenn ich jetzt weiter zu den großen Bergen gehe, dann werden wir nie wieder gemeinsam klettern. Die romantische Vorstellung unserer Seilschaft war mir schlussendlich wichtiger, als meine Stärken voll auszuleben. Also bin ich zum Sportklettern zurückgekehrt und es konnte weitergehen mit den Huberbuam.



Filmtipp: 
„100 Jahre Huberbuam“ ist der in der Mediathek von ServusTV abrufbar. Unser Lieblingsmoment: Als Thomas schwer atmend in der Wand hängt und seinem Bruder ein „Danke, Alexander“ zuruft. Ein so ehrliches und großes Danke, dass es uns Gänsehaut beschert hat. Und auch sonst gilt: Der Film feiert nicht nur Helden ab, sondern kommt den Menschen hinter den Huberbuam sehr nahe.

 


© Bilder: Servus-TV Timeline Productions

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerkenMerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken