„Es steht mir nicht zu, den Kopf zu schütteln“ – Interview mit dem Lawinen-Experten Patrick Nairz

Patrick Nairz ist ein echter Schnee-Mann: Schon als Teenager wollte er Lawinenprognostiker werden, heute ist er stellvertretender Leiter des Lawinenwarndienstes Tirol. Und Bergretter. Und Skitoureninstruktor. Und passionierter Berggeher. Der Mann weiß also, wovon der spricht – und hat uns deshalb etwas über den Lagebericht, Unfallanalysen und Risikobewusstsein im Schnee erzählt.

Patrick, hast du eigentlich selbst schon mal ungewollt eine Lawine ausgelöst?

Nein, noch nie. Zum Glück nur gewollt, das machen wir beim Lawinenwarndienst ja öfter. Dabei ist bisher aber immer alles gut ausgegangen.

Andere gehen morgens ins Büro, du auf den Berg. Wie muss man sich den Alltag eines Lawinenwarners vorstellen? 

Ein ganz wesentlicher Teil unserer Arbeit besteht darin, die Nase in den Schnee zu stecken. Sprich: Im Gelände gezielt in der Schneedecke zu graben und sie auf ihre Stabilität zu überprüfen. In Summe kommen wir durchschnittlich auf etwa drei bis vier dienstliche Geländetage pro Woche. Zusätzlich sind wir natürlich auch noch privat unterwegs…

Abgesehen von euren eigenen Analysen im Gelände: Aus welchen Daten speist sich eigentlich euer Lawinenlagebericht ?

In Tirol sind wir in der glücklichen Lage, auf ein sehr dichtes Informationsnetzwerk zurückgreifen zu können. Auf die Fläche bezogen haben wir vermutlich das dichteste Messnetz an automatischen, alpinen Wetterstationen weltweit. Zusätzlich kontaktieren wir täglich über Tirol verteilte Beobachter – häufig Bergführer oder Hüttenwirte – die für uns die Schneedecke analysieren oder uns beispielsweise über Lawinenabgänge informieren. Täglicher Kontakt mit der ZAMG-Wetterdienststelle garantiert uns einen perfekten Überblick über das Wettergeschehen. Außerdem bekommen wir immer mehr Rückmeldungen von ambitionierten Wintersportlern. Die Kunst besteht inzwischen darin, die Fülle an Informationen möglichst gut zu strukturieren und der Situation entsprechend gezielt heranzuziehen. Die Analyse der Daten beruht einerseits auf Prozessdenken. Da geht es zum Beispiel darum, wie sich das Wetter auf die Schneedecke auswirkt oder wie sich Schwachschichten entwickeln. Wichtig ist immer auch, zu wissen, in welchen Regionen, Höhenlagen, Expositionen gerade welche Prozesse dominant sind und was das für Konsequenzen für die Lawinengefahr hat. Andererseits geht es viel um Mustererkennung, also um sich wiederholende Gefahrensituationen. Ein Beispiel: Schneefall und Wind nach einer langen, kalten Schönwetterperiode führen immer zu einem sehr raschen Gefahrenanstieg. Oder: Wenn es auf eine feuchte Schneedecke kalt schneit, können sich in Folge an der Grenzfläche dieser Schneeschichten Schwachschichten ausbilden.

Der Lawinenwarndienst Tirol ruft auch die Bevölkerung dazu auf, Beobachtungen zu melden. Welche Informationen sind für euch dabei wertvoll? Und welchen Mehrwert liefern euch die Daten?

Wichtig für uns sind Beobachtungen im Gelände, die automatisiert nicht so einfach erhoben werden können. Dazu gehören beispielsweise Infos zu Lawinenabgängen mit Details zu Lawinentypus, -größe, Höhen- und Expositionsangaben. Oberflächenreif interessiert uns genauso wie massivere Graupeleinlagerungen. Auch die Beobachtungen zu Regengrenzen können sehr hilfreich dafür sein, wo sich eventuell nachfolgend Schwachschichten ausbilden können. Wer sich intensiver mit der Schneedecke beschäftigt, hat auch die Möglichkeit Schneeprofile und Angaben zu Stabilitätstests auf unserer Homepage einzupflegen. Infos sind auch immer willkommen unter lawine@tirol.gv.at. Der Mehrwert ist offensichtlich: Das Bild der Gesamtsituation kann so ständig verbessert und geschärft werden.

Patrick Nairz und Kollege Rudi Mair beim Einsatz im Gelände © Thomas Ebert

Euer Wissen fließt vor allem in den Lawinenlagebericht (LLB). Daneben betreibt ihr aber auch einen großartigen Blog, auf dem ihr die Schneesituation darstellt, aber auch Lawinenabgänge und Unfälle besprecht. Wie entstehen die Analysen auf eurem Blog?

Wir sind nach Lawinenunfällen häufig gemeinsam mit der Alpinpolizei vor Ort und führen unsere Erhebungen durch. Wir konzentrieren uns dabei auf die Ursachenforschung zum Lawinenabgang, die Alpinpolizei auf die Zusammensetzung und das Verhalten der Gruppenmitglieder. Zeitnahe Unfallanalysen helfen, weitere Unfälle zu verhindern.

Auf dem Blog bemüht ihr euch um einen sehr nüchternen, sachlichen Ton. Wie erlebst du im Vergleich die Berichterstattung der Medien und die Diskussionen in den sozialen Netzwerken? Lawinenunglücke finde ja auf vielen Kanälen große Beachtung…

Lawinen, in denen Menschen sterben, ziehen immer ein großes mediales Interesse nach sich. Medienvertreter, die regelmäßig mit uns zu tun haben, gehen sehr professionell an die Sache ran. In sozialen Medien können wir ausufernde Diskussionen genauso beobachten, wie wir extrem spannende und sachliche Beiträge lesen. Mit unserem Blog halten wir es so, dass wir keine Kommentare zulassen.

Gibt es denn typische Unfallmuster, über die ihr nur den Kopf schütteln könnt?

Es ist schade, wenn Lawinenunfälle bei relativ leicht einschätzbaren, offensichtlichen, sich wiederholenden Gefahrensituationen passieren. Es steht mir aber nicht zu, den Kopf zu schütteln. Ich darf mich immerhin beruflich mit der spannenden Materie beschäftigen.

Eine Studie des Schweizer Instituts für Schnee- und Lawinenforschung zeigt, dass gut ausgebildete Wintersportler ihr Wissen eher nutzen, um ihre Spielräume auszuweiten, statt auf Nummer sicher zu gehen. Wie ist es bei dir persönlich: Sorgt dein Wissen dafür, dass du dich öfter an der Grenze bewegst oder Risiken scheust?

Das nennt man Risikokompensation. Ein psychologisches Phänomen, das man sich bewusst machen muss, um den Zugewinn an Wissen nicht damit zu verspielen, weiter an die Grenze zu gehen. Ich versuche, diesen Mechanismus regelmäßig zu reflektieren, und mich zusätzlich zu meinem Wissen und meiner Erfahrung in Verzichtsbereitschaft zu üben.

Wenn du auf die breite Masse der Tourengeher schaust, was ist dein Eindruck: Haben sich das Risikobewusstsein und der Wissensstand über die Jahre verbessert?

Ja, soweit ich das beurteilen kann, gilt das pauschal gesehen auf alle Fälle. Wir sehen das vor allem daran, dass sich Skitourengeher bei kritischen Situationen in den allermeisten Fällen sehr defensiv verhalten. Variantenfahrer haben wohl auch wegen des „Arlbergeffekts“ mitunter einen anderen Zugang (Anmerkung: Ständiges Befahrens des Geländes sorgt dafür, dass sich lockere Schneemassen eher setzen). Sie können sich aber genau wegen dieses Effekts auch mehr erlauben als Wintersportler im unberührten Gelände.

Welche Schritte sind aus deiner Sicht unverzichtbar, bevor Neulinge auf Tour gehen? Welches Wissen braucht es, um die Risiken halbwegs einschätzen zu können?

Es fängt mit dem Wissen an, dass jede Tour mit einer guten Planung beginnt. Hilfreich sind Karten, unser Lawinenlagebericht sowie ein Wetterbericht. Vollständige Ausrüstung gehört genauso dazu, wie das Wissen um und die Anwendung von defensiven Strategien. Mit dem Lawinenlagebericht, einfachen Grundkenntnissen zu Schnee- und Lawinenkunde und einer konsequenten Einhaltung von Standardmaßnahmen kann man bereits mit einem vertretbaren Risiko im Gelände unterwegs sein. Es werden viele, zum Teil auch kostenlose Lawinenkurse oder Camps speziell für junge Leute angeboten. So etwas ist immer zu empfehlen.

Auch wenn im Winter die weiße Pracht lockt, sollten Skitourengeher ein paar Dinge beachten. © DAV/Daniel Hug

Hunderte von Leuten treffen Entscheidungen auf Basis eurer Analysen, lebenswichtige Entscheidungen. Wie groß ist der Druck der Verantwortung in deiner täglichen Arbeit?

Wir versuchen tagtäglich, ein möglichst realitätsnahes Bild über die Schnee- und Lawinensituation in Tirol vor uns zu haben. Entsprechend hoch ist auch unser Anspruch, dass der LLB tatsächlich stimmt. Gerade bei kritischen Situationen, wenn es um die Vorhersage spontaner Lawinenaktivität und der Abschätzung der Größe dieser Lawinen geht, sind wir sehr gefordert. Da spielen so viele Einflussfaktoren eine Rolle, die richtig abgewogen werden müssen. Klar verspüren wir da schon einen gewissen Druck. Umso schöner, wenn man im Nachhinein erkennt, dass alles so eingetreten ist, wie man sich das so vorgestellt hat. Umgekehrt gehen wir natürlich auf genaueste Ursachenforschung, um dieses Wissen für die Zukunft wieder für bessere Prognosen einbringen zu können. Wir haben natürlich eine gewisse Verantwortung. Aber, wenn das dein Job ist, gehst du professionell an die Sache ran und kannst damit sehr gut umgehen.

Du hast es gerade angerissen: Die Lawinensituation unterliegt so vielen verschiedenen Einflussfaktoren. Wie schwierig ist die Gratwanderung, den LLB einerseits möglichst verständlich zu gestalten, andererseits der Komplexität der Gegebenheiten noch gerecht zu werden?

Ich sehe da die sozialen Medien als tolle Entwicklung. Komplexe Situationen lassen sich dadurch mithilfe von Bildmaterial, Grafiken etc. sehr gut erklären. Wir sehen anhand der Zugriffszahlen, dass das sehr gut ankommt. Bei der Formulierung des Lawinenlageberichts lässt sich natürlich auch immer weiter dazulernen. Die Devise muss lauten: Kurze, verständliche Sätze. Als Naturwissenschaftler war dies zumindest zu Beginn meiner Karriere nicht immer selbstverständlich.

Stichpunkt soziale Medien: Der Lawinenwarndienst Tirol macht viel Aufklärungsarbeit über digitale Plattformen. Gleichzeitig sorgt die Verbreitung von Hochglanz-Powder-Bildern dafür, dass Risiken verharmlost werden. Überwiegen aus deiner Sicht die Vor- oder Nachteile von sozialen Netzwerken in Sachen Unfallprävention?

Unbedingt die Vorteile, wobei es schon auch bedenkliche Entwicklungen gibt. Einträge in sozialen Medien zeichnen zum Teil ein realitätsfremdes Bild, wo alles cool, lässig, easy und harmlos ist. Wer das nicht kritisch hinterfragt, kann durchaus in gefährliche Fallen tappen. Was mir noch auffällt: Diverse Apps entwickeln sich in die Richtung, dass die Eigenverantwortung auf ein minimales Maß heruntergeschraubt wird. Vielleicht etwas überspitzt formuliert: Ich füttere die App mit Daten, die App sagt mir aufgrund meines Standortes, ob ich mich noch weiterbewegen darf oder nicht.

In einem Interview hat dein Kollege mal gesagt: „Wer von Schnee nur weiß, dass er kalt und nass ist, dem sei folgendes empfohlen: Bei Stufe 2 keine Hänge steiler als 40 Grad, bei Stufe 3 unter 35 Grad, bei Stufe 4 unter 30 Grad bleiben. So lassen sich 85 Prozent der Lawinenunfälle vermeiden“. Wie wichtig sind solche Faustregeln? Oder siehst du da das gleiche Problem wie bei den Apps?

Strategien helfen, das Risiko zu reduzieren. Die Aussagen beruhen auf statistischen Auswertungen. Doch auch Strategien müssen kritisch hinterfragt werden und helfen umso mehr, je mehr Zusatzwissen ich mitbringe. Speziell während der vergangenen Winter mit zum Teil massiv ausgeprägten Altschneeproblemen sind solche Strategien an ihre Grenzen gestoßen. Soweit ich informiert bin, wird daran gearbeitet, die Strategien dahingehend anzupassen.

Was uns zum Schluss noch interessieren würde: Was macht ein Lawinenprognostiker eigentlich im Sommer?

Wir bauen während des Winters eine Menge an Überstunden auf, die wir im Sommer gemeinsam mit unserem Urlaubsanspruch verbrauchen. Keine Sorge, da wird mir nicht langweilig. Ich habe viele Interessen, die mir am Herzen liegen – und meine Frau freut sich auch immer, wenn ich mal ein bisschen Zeit habe.


MEHR DAZu

  • Die Grundlagen zum Thema Lawinengefahr hat das Schweizer Ausbildungsteam Lawinenprävention Schneesport (KAT) hübsch in dem Booklet „Achtung Lawine!“ zusammengefasst.
  • Ein Haufen schlauer Sachen ist in Sachen Lawinenkunde schon geschrieben worden, hier ein paar Tipps:

Werner Munter: 3 x 3 Lawinen – Risikomanagement im Wintersport
Rudi Mair und Patrick Nairz: Lawine. Die 10 entscheidenden Gefahrenmuster erkennen: Praxis-Handbuch
Markus Müller, Daniel Marbacher, Michael Wicky, Emanuel Wassermann: Lawinen und Risikomanagement

  • Lawinenkurse bieten verschiedenste Anbieter, zum Beispiel Ortovox, eure DAV-Sektion, das Lawinencamp Bayern oder SAAC. Wenn ihr eine größere Gruppe seid, kommt ihr wahrscheinlich sogar billiger weg, wenn ihr euch einen eigenen Bergführer engagiert. Einfach bei der nächsten Bergschule nachfragen.
  • Für Fortgeschrittene gibt es viele spannende (und sogar kostenlose) Artikel und Analysen im Archiv der Bergführerzeitschrift bergundsteigen.
  • Und natürlich ist der Blog des Tiroler Lawinenwarndienstes täglich einen Besuch wert. Da gibt es fundierte Informationen zur aktuellen Lawinensituation, Gefahrenlage, Lawinentätigkeiten, Unfallgeschehen, etc.