Was ist ein Normsturz?

Mein neues Kletterseil ist mausgrau, 80 Meter lang, 9,2 Millimeter breit und wiegt 4,4 Kilogramm. Soweit, so gut. Es steckt aber auch 6 Normstürze weg. Hä?! Was bitte sagt diese Zahl aus? Ein kleiner Ausflug in Physik, Politik und Polyamid.

Die Europäische Union normiert gerne. Nichts und niemand ist vor den Bürokraten aus Brüssel gefeit: Ob Äpfel (mindestens sechs Zentimeter Durchmesser und 90 Gramm Gewicht), das Salz im Brot (nicht mehr als ein Gramm auf hundert Gramm Mehl) oder Kondome (mindestens 17 Zentimeter Länge und Fassungsvolumen für fünf Liter, äh, Flüssigkeit) – für alles gibt es Normen. Kletterseile sind da keine Ausnahme. Und mal ehrlich: Wenn es um Sicherheit geht,  ist das auch irgendwie beruhigend, oder? Die Norm für Kletterseile heißt CE-EN-892. Sie ist für alle Kletterseile, die in Deutschland und anderen EU-Ländern verkauft werden, gesetzlich vorgeschrieben. Eine zweite Norm trägt das sexy Kürzel  UIAA-101und stammt von der Union Associations d’Alpinisme. Sie ist etwas strenger und oft aktueller als die EU-Norm, aber nicht gesetzlich vorgeschrieben. Findet sich die Angabe auf deinem Seil, ist das also ein Extraschmankerl. Soviel zu den Normen. Was aber steckt dahinter?

Beide Normen sagen etwas über die Belastbarkeit des Seils aus. Diese wird anhand von Normstürzen getestet. Und da wären wir auch schon beim Thema: Mit Normstürzen werden Kletterseile unter Bedingungen geprüft, die so extrem sind, dass sie in der Realität quasi nie vorkommen – und ihr genau deshalb sicher standhalten. Daher zunächst eine wichtige Info: Normstürze sind ein Laborszenario und haben absolut nichts mit normalen Stürzen gemeinsam. Im Vergleich zu Normstürzen hält ein Seil das etwa Fünfzig- bis Achtzigfache an Sportkletterstürzen aus.  Also: Niemand muss sein Seil austauschen, nur weil er ein paar Mal reingerauscht ist – dafür ist es schließlich da. Wir sagen das mal so deutlich dazu, denn bei der Recherche für diesen Text sind wir über ein Forum gestolpert, in dem jemand sein Seil loswerden wollte, weil er beim Klettern in der Halle schon viermal reingefallen ist. Kein Witz. Außerdem haben wir festgestellt, dass die gefühlt niedrige Zahl der Normstürze oft irritiert.

Doch das ist völlig in Ordnung, denn ein Normsturz beschreibt ein Worst-Case-Szenario, das in einem Versuchsaufbau nachgestellt wird und einen hypermonsterkrassen Unfall simuliert. Dabei muss das Seil unter bestimmten Bedingungen eine vorgeschriebene Anzahl von Stürzen aushalten. Die Bedingungen variieren dabei je nach Seilart. Für ein dynamisches Einfachseil, wie es die meisten Sportkletterer verwenden und wie es wahrscheinlich auch in euren Seilsäcken und Schwedentüten lagert, lauten sie wie folgt: Ein Seilstück muss einen Sturz mit 80 Kilogramm Gewicht aus einer Höhe von 4,80 Metern in ein ebenso langes und fest fixiertes Seilstück aushalten – und zwar mindestens fünf Mal. Das ist aber nicht alles: Bei diesem Sturz muss es sich außerdem so weit dehnen, dass der Fangstoß eine bestimmte Kraft (12 Kilonewton) nicht übersteigt. Was das jetzt wieder ist? Der Fangstoß ist die maximale Kraft, die während des Normsturzes auf das Fallgewicht einwirkt. Übersetzt in die Realität also jene Kraft, die beim Abbremsen auf den Kletterer einwirkt und die natürlich nicht zu hoch ausfallen sollte, um den Körper zu schützen. Denn es gilt: Je höher der Fangstoß desto härter der Sturz und desto größer die Kraft, die auf den Stürzenden und die ganze Sicherungskette wirkt. 

Damit das gelingt, muss das Seil einen Teil der Sturzenergie durch Dehnung absorbieren. Das ist übrigens der Clou von Kletterseile: Sie müssen sich dehnen, um den Fangstoß gering zu halten. Sie dürfen sich aber nicht zu weit dehnen, sonst verlängert sich die Sturzlänge zu krass. Deshalb wird bei einem Normsturz auch die Fangstoßdehnung überprüft und darf bestimmte Werte nicht überschreiten. Außerhalb des Labors sagt der Fangstoß übrigens wenig aus, weil ein wesentlicher Unterschied zur Praxis besteht: Das Seil in der Versuchsanordnung ist statisch fixiert. Beim Klettern hingegen wird ein Sturz dynamisch abgefangen. Der Durchlauf des Seils durch ein Sicherungsgerät, das Nachgeben des Gurts und anderer Glieder der Sicherungskette sorgen dafür, dass reichlich Sturzenergie aufgenommen wird. Auch durch weiches Sichern, also einem kleinen Hüpfer des Sichernden in Richtung Wand, wird ein Großteil der Sturzenergie absorbiert. Das unterstreicht einmal mehr, wie extrem die Bedingungen in einem Normsturz-Szenario sind. 

Bildquelle: Chalkr.de

Solche Anforderungen lassen sich nur mit Polyamid (also Nylon) erreichen, alle anderen Materialien werden der erforderlichen Mischung aus Stabilität und Flexibilität nicht gerecht. Am Ende zählt nur, ob die Seile die Normsturz-Tests überstehen, bei vielen anderen Parametern haben die Hersteller freie Hand. Deshalb gibt es mittlerweile auch sehr dünne und leichte Seile. Seit  Anfang der 60iger Jahre die erste Seilnorm vorgeschrieben wurde, konnte der Durchmesser von Einfachseilen von 12 Millimetern auf rund 7 Millimeter reduziert werden – und trotzdem erfüllen diese Seile die Norm und sind so sicher wie nie zuvor. Seilrisse kommen heute kaum noch vor. Wenn es doch passiert, dann wegen eines vorab geschädigten Seils, einer scharfen Kante oder Schmelzverbrennungen. Übrigens: Der Seilmantel reißt vor dem Kern. Aus diesem Grund sollten Seile mit beschädigtem Mantel immer ausgetauscht werden.

Jetzt schwirrt dir der Schädel? Kein Ding. Merke dir einfach Folgendes:

  • Jedes Seil, dass man in der EU kaufen kann, entspricht bestimmten Normen, die extreme Reißfestigkeit gewährleisten.
  • Um diese Normen zu erfüllen, müssen Einfachseile mindestens fünf Normstürze unter vorgeschriebenen Bedingungen aushalten.
  • Ein Normsturz hat nichts mit einem normalen Sturz zu tun, sondern findet unter viel extremeren Bedingungen statt.
  • Für den Seilkauf gilt: Je höher die Anzahl der Normstürzte, desto größer die Lebensdauer des Seils.
  • Entscheidend dafür, wie lange man sein Seil verwenden kann, sind aber andere Faktoren. Etwa die Lagerung, die Art der Verwendung (Halle oder Fels), sowie Dauer und Häufigkeit der Nutzung.
  • Die EU-Norm ist Pflicht (=gesetzlich vorgeschrieben), die UIAA-Norm Kür (=freiwillige Zusatzangabe der Hersteller). Wer auf beide Angaben achtet, ist auf der sichersten aller Seiten.

 


Zum Weiterlesen und für alle, die gerne mit Sheldon Cooper konkurrieren: Dieser Artikel von Pit Schubert beschreibt sehr detailliert, wie die Tests ablaufen und warum welche Kräfte wichtig sind. Schubert war Mitbegründer des DAV-Sicherheitskreises und Präsident der UIAA-Sicherheitskomission. Der Mann weiß also, wovon er redet.

Etwas weiter gefasst ist diese Seil-Fibel von Edelrid, die nicht nur spannende Infos zum Normsturz liefert, sondern auch viel Wissenswertes über Kletterseile und deren Herstellung im Allgemeinen. (Hinweis: Wir haben nichts mit Edelrid zu tun, finden das PDF aber sehr informativ).

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