Segen oder Sünde? Zur Nachhaltigkeit von Outdoor-Klamotten. Folge 1: Daune & Merino

Kälte, Nässe, Wind: Wer viel draußen unterwegs ist, kann auf geeignete Klamotten nicht verzichten – und steht damit oft vor einem Dilemma. Einerseits liegt uns als Outdoor-Menschen die Natur am Herzen, andererseits ist gerade Funktionskleidung oft problematisch für Umwelt und Tiere. Was also tun? Ein kritischer Streifzug durch Markt, Materialien und Moral – und ein paar Tipps, wie man es besser machen kann.

In dieser kleinen Serie geht es um die Auswirkungen von Outdoor-Klamotten auf unsere Umwelt. Sexy, huh? Aber im Ernst: Wir sind zwar weder hypersensible Öko-Hipster noch wollen wir im modischen Sisalsack klettern gehen – aber über unangenehme Fragen stolpern wir trotzdem ständig. Wir stellen sie uns zum Beispiel, wenn der Kauf einer neuen Regenjacke oder eines Daunenschlafsacks ansteht, wir bei Kletterschuhen zwischen dem normalen und dem Eco-Modell wählen können oder das Werbeschaf der Merinowäsche unglaubwürdig glücklich aussieht.

Zum Auftakt geht es um Daune und Wolle. Zwei Materialien, die so gut wie jeder Outdoormensch im Schrank hat. In Folge zwei widmen wir uns PFC und Mikroplastik und zum Abschluss Leder und Pelz. Viele der Informationen sind nicht schön, denn hinter bequemen Klamotten stecken oft unbequeme Wahrheiten. Aber es hilft ja nichts: Die Natur ist unser liebstes Ziel, also liegt es  an uns, sie zu schützen – zum Beispiel durch ein smartes Einkaufsverhalten. Außerdem haben wir festgestellt: Wenn man halbwegs informiert ist, ist das gar nicht so schwer. Wenn ihr also wissen wollt, ob Waschbeutel gegen Mikroplastik etwas bringen, wie man erkennt, ob der Pelzbesatz an einer Kapuze echt ist und warum Gore-Tex eine miesere Masche abzieht als jeder Wollproduzent, dann seid ihr hier richtig. Und ein bisschen Weltverbessern hat schließlich noch niemandem geschadet.

#1 Daunen: kuschelig, aber kompliziert

Zuerst ein Geständnis: Ich habe zwei Daunenjacken im Schrank. Eine dünne von Maloja und eine dicke von Valandre. Ich liebe beide, gerne auch übereinander,  weil sie mich immer schön warm halten – ob bei der Jause auf dem Gipfel, Streifzügen durch den Wald oder stundenlangen Sicherungssessions.  Im Winter trage ich sie ständig und lasse sie eigentlich nur im Schrank, wenn es mal zu nass ist oder schicker sein muss. Mit meiner Vorliebe für Daune bin ich gefühlt nicht allein: Wenn man sich bei winterlichen Temperaturen am Fels umschaut, sind die knallbunten Michelinmännchen auf jeden Fall in der Überzahl. Die Gründe liegen auf der Hand: Daune ist unschlagbar warm, weich, leicht und lässt sich so winzig klein zusammenknautschen, dass sie auch im vollsten Rucksack noch Platz findet – Stichwort Packmaß. Deshalb besteht auch das Innenleben meines Schlafsacks aus Daune.

Da geht noch mehr: Wenn es draußen kalt ist und die Haare nass sind, kann die Daunenjacke gar nicht dick genug sein.

Das Problem

Man kann sich nie so ganz sicher sein, wo die flauschige Federfüllung herkommt. Viele Daunen stammen aus Lebendrupf. Das ist genauso grausam, wie es klingt: Die Gänse werden fixiert, um ihnen bei vollem Bewusstsein die Federn auszurupfen. Das ist eine schmerzhafte und blutige Prozedur, die mit Tierschutz so viel zu tun hat wie Donald Trump mit geistreichen Tweets: nichts. Deshalb ist diese Praxis in der EU seit 1999 verboten. Allerdings kommt ein Großteil der hierzulande verarbeiteten Daunen aus Asien und Osteuropa, wo Lebendrupf sehr verbreitet ist. In Europa hingegen ist nur noch das sogenannte Raufen erlaubt. Das bedeutet, dass man die Federn in der Mauser auskämmen oder abfangen darf. Das klingt erstmal fein – doch in der Praxis lässt sich kaum überprüfen, ob die Tiere gerupft oder gerauft wurden. In Ungarn zum Beispiel wurde mehrfach Lebendrupf nachgewiesen, obwohl die Prozedur dort illegal ist. Der Deutsche Tierschutzbund fordert deshalb, nur das Rupfen von toten Gänsen zu erlauben. Auch das hat natürlich einen Haken: Zum einen sollten die Tiere nicht aus der qualvollen Stopfmast stammen (so wie es vor einigen Jahren zum Beispiel The North Face und Patagonia zugeben mussten), zum anderen kann man natürlich auch darüber streiten, ob das massenhafte Töten von Tieren für die Nahrungsindustrie gerechtfertigt ist. Für mich als Vegetarier ist das durchaus einen Gedanken wert. Sind Daunen der neue Pelz? Muss man sich dafür schämen?

Das RDS-Siegel.

Immerhin: Durch die Skandale hat ein Umdenken in der Branche stattgefunden. The North Face etwa hat mit dem Responsible Down Standard eine Kennzeichnung etabliert, der sich viele Marken angeschlossen haben (z.B. Vaude, Columbia, Mammut, Jack Wolfskin, Deuter, Haglöfs, Esprit, C&A und Hess-Natur). Das Label zertifiziert Lieferketten, bei denen die Daunen ausschließlich von bereits getöteten Tieren (Schlachtrupf) stammen. Die Tiere müssen ohne leidvolle Umstände gehalten und dürfen nicht zwangsgefüttert werden. Das Ganze wird von unabhängiger Seite sowohl mit als auch ohne Vorankündigung kontrolliert. Auch Patagonia hat mit dem Global Traceabel Down Standard (Global TDS) eine Zertifizierung angestoßen, die mittlerweile unabhängig und außerdem noch etwas strenger ist.

Was kannst du tun?

Es ist eine Grundsatzentscheidung, ob man Daune kauft oder nicht. Eine Alternative gibt es durchaus: Die Kunstfaser PrimaLoft, die in den 80-iger Jahren für das US-Militär entwickelt wurde, bietet ähnlich gute Eigenschaften, ist pflegeleichter und behält ihre wärmende Eigenschaft auch bei Nässe. Dafür ist sie etwas schwerer und hat ein größeres Packmaß. Schön zu sehen: Auf der ISPO 2018 wurde mit Black Insulation ThermoPlume® eine Fortentwicklung aus dem Hause PrimaLoft vorgestellt, die bereits viele Hersteller verwenden. Es scheint, als wäre die Alternative auf dem Vormarsch.

Das TDS-Siegel ist etwas strenger als das RDS-Siegel.

Wer dennoch nicht auf Daune verzichten will, sollte auf die Herkunft der Federn achten. Der Preis sagt darüber nichts aus – und auch auf dem Etikett erfährt man oft nicht, wie viel Tierleid in einer Jacke steckt. Das hat auch mit den Handelsstrukturen zu tun: Die Qualität der Daunen ergibt sich nicht aus ihrer Herkunft, sondern aus dem Cuin-Wert, der die Bauschkraft der Federn beschreibt. Je höher er ist, desto hochwertiger/wärmer sind die Daunen. Doch um einen guten Wert zu erreichen, mischen die Großhändler Daunen unterschiedlicher Lieferanten. Die verarbeitenden Hersteller haben daher erstmal keine Ahnung, woher die Daunen stammen. Folglich ist es gar nicht so leicht, Transparenz herzustellen. Immerhin gibt es mit dem RDS- und dem TDS-Siegel mittlerweile zwei vertrauenswürdige Siegel, die von unabhängigen Zertifizierungsstellen vergeben und kontrolliert werden. Beide stellen sicher, dass keine Daunen aus Lebendrupf und Stopfmast verwendet werden.

Abgesehen davon arbeiten viele Hersteller auch mit eigenen Richtlinien. Mountain Equipment zum Beispiel hat  sich in seinem Down-Codex verpflichtet , keine Daunen aus Stopfmast oder Lebendrupf zu verwenden. Und Fjällräven orientiert sich an weitaus strengeren Regeln als sie der TDS und der RDS vorschreiben. Allerdings muss in solchen Fällen die Frage erlaubt sein, wie vertrauenswürdig Versprechen der Hersteller sind, die nicht von unabhängiger Seite kontrolliert werden. 

#2 Wolle: das merino-märchen

Okay, vieles ist gar kein Märchen. Tatsächlich hat Schafwolle nämlich großartige Eigenschaften: Sie ist atmungsaktiv, knittert kaum, wärmt selbst im nassen Zustand, ist schwer entflammbar und trocknet schnell. Sie wärmt, wenn es kalt ist, weil das Material feine Luftkammer bildet und Körperwärme reflektiert. Und sie kühlt, wenn es warm ist, weil die Wassermoleküle des Schweißes durch den Stoff diffundieren können. Außerdem ist sie nicht nur schmutzabweisend, sondern hat sogar selbstreinigende Eigenschaften – das ist der Grund dafür, warum die Wolle selbst nach langem Tragen kaum müffelt. Das ist so schon alles ziemlich cool, aber wer draußen in der Natur unterwegs ist, weiß diese Eigenschaften wirklich zu schätzen. So gesehen ist es kein Wunder, dass Merinowolle in der Outdoor-Industrie seit einigen Jahren boomt. Pistenwedeln ohne lange Merino-Leggins unter der Skihose? Frostige Sache. Einen Gipfel erklimmen ohne Merino-Shirt, das am Gipfel schneller trocknet als man seine Käsestulle verzehren kann? Undenkbar. Ein Bouldertrip ohne Merino-Unterwäsche, die auch mal einen Tragtag mehr verzeiht? Neeeeee!

Voll in der Wolle: Diese beiden haben ihre nächste Schur noch vor sich…


Merino-Schafe werden vor allem in Neuseeland und Australien gezüchtet und haben eine besonders feine, zarte Wolle. Die kratzt nicht auf der Haut und hat mit Omas Wollpullover oder 
dem Alt-68-Dresscode nichts zu tun. Sie geht eher als Hightech-Material durch, obwohl sie ja natürlichen Ursprungs ist. Auf dem ersten Blick spricht auch nichts dagegen, das Material zu verwenden. Im Gegenteil: Die Tiere müssen dafür nicht getötet werden, das Material hat unschlagbare Eigenschaften und als Naturfaser eine bessere Umweltbilanz als Kunstfaser. Außerdem ist Wolle ein nachwachsender Rohstoff und biologisch abbaubar.

Das Problem

Doch wie mit allem, womit man Geschäfte machen kann, gibt es auch hier ein großes ABER. Die Realität der Schafe hat nämlich oft wenig mit den wildromantischen Vorstellungen der Woll-Träger zu tun. „Eine Schafschur ist kein Haarschnitt, es kann dabei ziemlich brutal zugehen – ähnlich wie in Schlachthöfen. Wo Menschen in hohem Tempo Tiere bearbeiten müssen, kommt es einfach zu hässlichen Szenen“, schreibt die Journalistin Theresa Bäuerlein in diesem sehr lesenswertem Artikel. Tatsächlich gibt es immer wieder Bilder von Tierschutzorganisationen, die Tiere mit tiefen Schnittwunden zeigen, die beim Scheren verletzt wurden. Viele Scherer werden nach der Anzahl der geschorenen Tiere oder dem Gewicht der Wolle bezahlt – da muss man nicht lange fragen, warum eher grob mit den Schafen umgegangen wird.

Hinzu kommt das so genannte Mulesing. Der Begriff beschreibt eine Praxis, bei der den Schafen mit einem scharfen Messer Hautstreifen vom Hinterteil geschnitten werden – in der Regel ohne Betäubung. Das geschieht zwar in der Absicht, sie vor einem gefährlichen Befall mit Fliegenmaden zu schützen. Doch die Prozedur ist schmerzhaft und grausam und auch deshalb nötig, weil die Tiere mit unnatürlich vielen Hautfalten gezüchtet werden, damit sie mehr Wolle abwerfen. In diesen Falten aber fühlen sich die Maden besonders wohl. In Europa ist Mulesing verboten. In Neuseeland und Australien aber, von wo der Monsteranteil der Merinowolle für den Weltmarkt stammt, ist die Praxis durchaus gängig. Vor allem in Australien wollen die Farmer nicht darauf verzichten. In Neuseeland findet immerhin eine kritische Debatte statt. Wir haben hier mal darauf verzichtet, Mulesing hier zu zeigen. It’s bloody. Aber es ist heilsam, sich das mal bei Google anzusehen…

Abgesehen von den Tierwohl-Aspekten schneidet Wolle auch auf der Nachhaltigkeitsskala eher semigut ab: Ihre Erzeugung bringt ähnliche Umweltprobleme mit sich wie die von Fleisch. Schafe brauchen viel Weideland und stoßen genau wie Kühe beim Verdauen klimaschädliches Methan aus. Zudem ist Wolle oft ein Nebenprodukt der Fleischindustrie. Sobald ein Schaf nicht mehr genug Wolle liefert, geht es direkt zum Schlachter. Oder schlimmer: auf einen Massentiertransport. Jedes Jahr werden Millionen Schafe auf engsten Raum per Schiff in den Nahen Osten oder nach Nordafrika gebracht, wo die Tiere ohne jegliche Betäubung geschächtet werden. Australien ist weltweiter Exportmeister im Lebendtransport von Schafen.

Was kannst du tun?

Wer aufmerksam einkauft, kann schon eine Menge gegen unnötiges Tierleid tun. Marken wie IcebreakerSmartwoolWoolpowerMufflonOrtovoxDevold und Bergans etwa haben sich verpflichtet, Tierschutzstandards zu achten und kein Mulesing durchzuführen. Abgesehen davon gibt es auch bei Wolle Siegel, die Orientierung bieten, zum Beispiel diese:

  • GOTS (Global Organic Textile Standard)
  • ZQ Merino (Sehr strenge Auflage zu Haltung und Schur, Verbot von Mulesing – gilt für Neuseeland)
  • New Merino (Das Pendant für Australien. Ebenfalls sehr strenge Auflagen)
  • RWS (Responsible Wool Standard)

Wenn das Produkt mit einem dieser Siegel ausgezeichnet ist, kann man es auf jeden Fall mit besserem Gewissen kaufen. Wer gerne auf regionale Produkte  setzen würde, hat allerdings Pech. Die Wolle  deutscher Schafe ist auf dem Weltmarkt so gut wie wertlos, weil sie grob und kratzig ist. Das Scheren kostet oft mehr, als die Wolle schlussendlich einbringt. Deshalb landet ein eigentlich wertvoller Rohstoff hierzulande oft im Müll oder wird als Dämmmaterial nach China verkauft. Das aber nur am Rande…


In der nächsten Folge: Warum unsere Jacken die Meere verschmutzen, was ein kleiner Beutel dagegen tun kann und warum jeder mal von PFC gehört haben sollte…

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