Pioniere in der Geisterstadt: Eine besondere Boulder-Halle

Auf einem alten Militärgelände in Mannheim entsteht gerade eine besondere Boulderhalle: Die Location sieht aus wie das Setting von „Stranger Things“, die Betreiber sind genervt vom Boulder-Boom und jeden Freitag kommen Soldaten zum Biertrinken vorbei. Mittendrin wird geskatet und gekocht. Ein Hausbesuch.

Das Monster überragt alles. Knapp 14 Meter ziehen sich seine schwarzen Flanken in die Länge, der massige Körper ragt steil in die Höhe. Am Rücken tritt sein hölzernes Skelett hervor und kreuzt sich in wildem Durcheinander, während am Bauch bunte Griffe leuchten. Keine Frage: Ein solcher Überhang ist ein Novum in deutschen Boulderhallen. Ihren Spitznamen trägt die beeindruckende Konstruktion daher völlig zu Recht. „Eigentlich ist das eine Schnapsidee für eine Boulderhalle, weil die Länge eher einer Kletterroute entspricht“, gibt Frank Schüssler freimütig zu, „aber anders hätte man nicht bis zu den Fenstern hinauf klettern können. Und dort ist der Blick auf den Sonnenuntergang nun mal am schönsten.“

Überhang. Und noch mehr Überhang. Und noch mehr. Elmar pumpt sich die Arme im „Monster“.

Die Schnapsidee ist mittlerweile zum Highlight der Halle avanciert. Boulderer aus der ganzen Region kommen nach Mannheim, um ihre Kraft und Ausdauer an dem Monster zu messen. Es versinnbildlicht aber auch den Geist, der in der früheren Basketballhalle herrscht: Ausprobieren, rumspinnen, unkonventionell denken und handeln. „Wir toben uns hier aus“ sagt Andreas Handel. Er und Schüssler sind die Macher der Halle, sie kennen sich seit Kindertagen. Damals haben sie gemeinsam Sandburgen gebaut, nun sind es eben Boulderhallen. In Heidelberg und Darmstadt gibt es bereits welche mit ihrer Handschrift, doch Mannheim ist nicht einfach nur die Fortsetzung. „Das hier ist in vielerlei Hinsicht ein besonderes Projekt“, sind sie sich einig. Zum einen, weil beide in Mannheim aufgewachsen sind und es für sie ein Herzensding war, hier eine Halle zu eröffnen. Zum anderen, weil sie mit der Sports Arena auf dem ehemaligen Truppengelände der US-Armee einen Ort dafür gefunden haben, der seinesgleichen sucht: Im Jahr 1955 erbaut, steht die lichtdurchflutete Arena heute unter Denkmalschutz und erzählt ihre ganz eigenen, schweißtriefenden Geschichten. Wer durch die Halle geht, hört in Gedanken noch das hektische Dribbeln der Basketbälle, das Quietschen der Gummisohlen auf dem gewienerten Boden und den Jubel des Publikums von den Tribünen. Farben, Stil, Holzboden, Logos, Anzeigetafeln, die amerikanischen XXL-Dimensionen – alles hier wirkt wie konserviert, als ob es der Geist der Zeit nie durch die Mauern ins Innere geschafft hat.

„Früher haben wir gemeinsam Sandburgen gebaut, jetzt sind es eben Boulderhallen“ – Frank Schüssler

„Die Aura der Halle ist unglaublich. Niemand kann sich dem entziehen“, sagt Schüssler. Vor vier Jahren haben sie zum ersten Mal mit ihrer Idee bei der Stadt angeklopft. Damals hat man noch signalisiert, dass es wohl eher nichts wird. Aber die beiden blieben hartnäckig. Schüssler, weil er als Kletterer und Sportwissenschaftler schon die Boulderwände vor seinem geistigen Auge sah. Handel, weil ihn der Charme des alten Gebäudes als Architekt sofort in seinen Bann zog. Außerdem kennen beide das Gelände von früher, als die US-Armee noch dort stationiert war. „Vor dem 11. September war hier alles offen. Wer ein paar Dollar in der Tasche hatte, konnte hier einkaufen oder mitfeiern“, sagt Handel. Die Erinnerung habe geholfen, das Potenzial des seit Langem verlassenen Geländes zu erkennen und eine Vision zu entwickeln. Im Juli 2016 bekamen beide nach viel Überzeugungsarbeit den Zuschlag für die Halle, im September begannen die Bauarbeiten. Und obwohl sie noch lange nicht beendet sind, öffnete das Boulderhaus im März 2017 seine Türen. Damit ist es ein kleiner Teil einer großen Sache: Nach dem Abzug der Truppen hat Mannheim nun ein Areal zur Verfügung, das der Fläche seiner Innenstadt entspricht. Bis 2025 sollen hier 1000 Arbeitsplätze und Wohnraum für 8000 Menschen entstehen – ein Mammutprojekt.

Noch merkt man davon allerdings nicht viel. Zwischen Baustellen und verlassenen Baracken steht die Sports Arena aktuell mitten in einer fast menschenleeren Geisterstadt. „Wir sind hier so ein bisschen die Pioniere“, sagt Schüssler. Das Foyer des Boulderhauses ist deshalb ein Treffpunkt für alle geworden, die schon hier sind: Bauarbeiter, Künstler, Architekten und der Pfarrer zum Beispiel, der in einem ranzigen Bauwagen nebenan auf die Renovierung seiner Kirche wartet. Seit Neustem schaut außerdem jeden Freitag eine Gruppe Ex-Soldaten vorbei, um in Bier und Erinnerungen zu schwelgen. Sie treffen sich im Foyer der Halle, das Handel anfangs Kopfschmerzen bereitet hat. „Es war nicht leicht, den langgezogenen Raum gemütlich zu machen.“ Doch mittlerweile sorgt ein schmuckes Café zwischen roten Klinkerwänden für Wohlfühlatmosphäre, aus dem Problemraum ist ein Lieblingsort geworden. Das liegt nicht zuletzt an der Melange aus Material und Geschichte: Die Balken der Theke sind über 200 Jahre alt, die rostigen Metallplatten hat Handel auf einer Baustelle gefunden und mit Sprühkleber und Klarlack konserviert. Von der Decke baumeln Lampen aus der ehemaligen Offiziersdisko. Überhaupt haben sie vieles vor der Abrissbirne gerettet: Die verbeulten alten Spinde, die metallenen Lampen, die Dekoration oder die Fensterscheiben, die als Spritzschutz für die Küche dienen.

Es weht der Geist einer anderen Zeit. Einer Zeit, als Klettern noch kein Breitensport war, sondern Rebellion.

Das alles an diesem Ort ein bisschen Low-Budget und Freestyle ist, kommt nicht von ungefähr: Als Schüssler und Handel in ihrer Jugend das Klettern für sich endeckten, war es noch kein Breitensport, sondern Rebellion. Bis heute sind ihnen Vereine, Mitgliedschaften, starre Regeln und Wettkämpfe zuwider. „Für uns geht es um einen Lebensstil, nicht um Leistungssport“, sagt Schüssler. Ohne Pathos, aber mit etwas Trotz. Natürlich sei bouldern körperlich extrem anspruchsvoll – doch eigentlich gehe es um die Gemeinschaft, den Spaß an der Sache und das kollektive Tüfteln an Bewegungsproblemen.

Seit sie 2010 in Heidelberg das erste Boulderhaus eröffneten, ist viel passiert. „Der Sport hat eine Entwicklung hingelegt, die mich noch immer sprachlos macht“, sagt Schüssler. Soll heißen: Bouldern boomt. Einerseits freuen sie sich darüber, andererseits finden sie manche Entwicklungen befremdlich. Denn mit dem Sport hat sich auch das Geschäft professionalisiert. Millionen werden investiert, die Marketing-Maschinerie läuft heiß und bei mancher Boulderhalle besteht Verwechslungsgefahr mit einem Fitnessstudio. Dass bald bei Olympia gekraxelt wird, entlockt ihnen nur ein skeptisches Stirnrunzeln. Für Schüssler und Handel ist Bouldern mehr als ein Sport: Kreativität, Ästhetik, Gemeinschaft, Freigeist. Ihre Wände werden von Boulderern gebaut und nicht am Computer entworfen. Wenn mal ein Star der Szene vorbeikommt, muss er Eintritt zahlen wie alle anderen auch. Und jeder, der hier arbeite, lebt für die Vertikale.

Lebensgefühl also. Eben dieses Gefühl brachte die beiden in einem entscheidenden Moment dazu, „ja“ zu sagen. Ein befreundeter Schreiner fragte sie mitten in den Bauarbeiten, ob er eine Halfpipe in die Halle bauen dürfe. Als passionierter Skateboarder trug er diesen Wunsch schon seit Langem mit sich herum. In nur einem Wochenende zimmerte er eine Rampe mitten in die Halle. Seitdem kommen nicht nur die Boulderer, sondern auch die Skater. Während die einen Fingerkraft und Bizeps ausreizen, feilen die anderen an Kickflips und Ollies. „Das war der Anfang einer neuen Idee“, erinnert sich Handel, „wir haben gemerkt, dass die Sportarten gut harmonieren, weil sie derselbe Geist verbindet.“ Tatsächlich lassen sich Parallelen finden: Boulderer wie Skater haben eine eigene Kultur, keine große Lobby und oft ein Problem damit, dass ihr Sport mehr und mehr kommerzialisiert wird. So entstand die Idee, die Sports Arena auch anderen Sportarten abseits des Mainstream zu öffnen. „Wir wollen eine Art Begegnungszentrum für Randsportarten schaffen“, sagt Handel. Eine Slackline zum Balancieren ist schon gespannt, die Halfpipe und ein Teil der Kletterwände stehen. Hinzu kommen sollen schon bald Parkour, Yoga, Pilates und Crossfit. Auch ein paar Tischtennisspieler und eine Pole-Dancerin haben schon angefragt. Handel lacht: „Wie sind offen für alles, solange alle respektvoll miteinander umgehen und die Gemeinschaft genießen.“ Auch für Kultur und Kunst wollen die Macher künftig Platz schaffen. Jeden Sonntag gibt es bereits einen Brunch mit einem kleinen Konzert, bald sollen Lesungen und Vorträge hinzukommen. Langweilig wird es hier so schnell nicht werden. Trotzdem hören die beiden eine Frage immer wieder: „Wann ist alles fertig?“ Sie antworten dann mit einem Lächeln und einem knappen „nie“. Denn was nicht fertig wird, kann sich immer weiter entwickeln.

© Fotos: Simon Hofmann für hochmut.de


Info: Das Boulderhaus Mannheim ist geöffnet und bekommt gerade weitere neue Wände. Wer sich mal mit dem Monster messen oder einfach mehr erfahren will, findet hier mehr – auch zu den Hallen in Heidelberg und Darmstadt. 

 

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