Lacht nur, ihr Skifahrer! Von der hohen Kunst des Knüppelbobbens

Skitour kann jeder. Aber habt ihr schon mal versucht, mit einem Minibob den Berg runterzusausen? Das eignet sich auch für Pistenanfänger, kostet weniger und garantiert echte Gaudi – findet unsere Autorin Franzi. Warum sie im Winter gerne mit Schneeschuhen und Plastikpanzer loszieht, verrät sie hier – genauso wie ihre Lieblingshänge für diesen famosen Vertikalspaß.

Ich liebe den Moment, in dem aus Schmunzeln Staunen wird: Wenn ich die Skitourengeher, die mich und mein minderwertiges Wintersportgerät im Aufstieg stirnrunzelnd gemustert haben, auf der Talfahrt überhole. Je brüchiger der Harsch, desto deutlicher tritt die Überlegenheit meines Minibobs zutage. Er fräst sich gerade so tief und beständig in die Schneeschicht, dass ich in Idealgeschwindigkeit nach unten sause. Während die Skifahrer dem Hang eine Kurve nach der anderen abringen, hier und da unverhofft tief versinken, sitze ich gemütlich und geradlinig bergab.

Verglichen mit einer Skitourausrüstung ist meine Bob-Schneetour-Kobination
wunderbar billig. Der Bob selbst kostet nur etwa 35 Euro. Zirka 200 Euro muss man für vernünftige Fußvergrößerungen berappen, die auch in steilem Gelände greifen, so man sich dort austoben will. Dazu Stöcke, die in den Rucksack passen, ein LVS-Gerät (Lawinen unterscheiden nicht zwischen Sportlern), Helm und robuste Handschuhe, mit denen man auch mal zum Lenken in den Schnee greifen kann. Skibrille und Gangstermütze schützen vor dem aufgewirbelten Schnee, der einen Bobfahrer zugegebenermaßen eher mal einnebelt als einen Skifahrer. Die Bodennähe ist es dafür aber auch, die Stürze entschärft – obwohl man gerne mal kopfüber im Schnee landet. Was meist allerdings nur eine leichte Trommelfellreizung vom lauten Gelächter des Tourenpartners hinterlässt. Auf wundersame Weise ist mir mein Bob nach so einem Schneefall auch noch nie entkommen, ganz ohne Fangriemen oder Stopper. Kürzlich ist er sogar genau in dem Moment, als ich mich wieder aufgerappelt habe, gemächlich und genau auf mich zugefahren. Durch seine Leichtigkeit kann er nicht unterm Schnee verschwinden.

Tiefschneefahren müssen auch erfahrene Pistenskifahrer erst mühsam lernen. Nicht so beim Bobben. Offene Hänge kommt man bestens kontrolliert hinunter, solange man beherzt genug am Knüppel zieht. Enge Forstwege, die perfekt eingetreten sind, werden durch ihre Wände aus Schnee zu rasanten Bobkanälen, die sich fast von allein hinuntersteuern lassen. Nur wenn solche Wände fehlen, aber Bäume oder Abgründe dennoch Kurven vorgeben, wird es ein wenig anspruchsvoll. Perfektes Lenken ist eine Kombination aus Gewichtsverlagerung mit dem Knüppel als Widerlager, der Versuch, mit den abgerundeten Kanten Halt am Hang zu finden und ein Impuls mit der Hand im Schnee hinter dem Bob. Wenn es nicht mehr anders geht, nimmt man die Füße zu Hilfe, bremst und lenkt mit ihnen gleichzeitig. Wer diese Technik gut beherrscht und sich einen Sprungstart zutraut, der kann sein Bobben auf einen professionellen Level heben und bei einer der Meisterschaften antreten, die bisher vor allem Gruppierungen österreichischer Bobliebhaber ausrichten.

Zugegeben, das bunte Plastik ist nicht für alle Bedingungen gemacht. Heikel wird die Fahrt auf vereisten Steilhängen, da muss man die Füße in den Boden rammen, mit aller Kraft am Knüppel reißen und hoffen, dass man trotzdem nicht zu schnell wird. Ganz unrecht haben die Skifahrer auch nicht, wenn sie uns Bobber im Aufstieg mitleidig mustern. Denn bergauf geht es mit den Brettern natürlich komfortabler als mit Schneeschuhen an den Füßen und dem Bob als Triceratopspanzer am Rucksack. Überhaupt sollte man immer ein wenig aufpassen, wenn man nahe nebeneinander geht und einer sich mit dem Bob am Rücken plötzlich umdreht. Glaubt mir, ich spreche aus blaugefleckter Erfahrung. An seine Grenzen kommt der Schlitten schließlich in sanftem Gelände. Unter 28 Grad Gefälle kommt er nur flott – oder überhaupt voran, wenn der Schnee hart und schnell ist. Mittlerweile haben wir aber diverse bobbare Berge gefunden, vom Heimgarten bis zur Kreuzspitze in den Ammergauer Alpen (siehe Tourenliste am Artikelende).

Bei all dem ist der Bob viel mehr als eine Abstiegshilfe. Seine magische Kraft kennen die wenigsten: Er ist eine Zeitmaschine. Ich muss lediglich den Steuerknüppel berühren, schon werde ich zurückgeworfen in die glücklichsten Augenblicke meiner Kindheit. Wie damals lache ich laut und kann gar nicht aufhören, bis ich im Tal ankomme. Wenn ich es so betrachte, staunen die Skifahrer vielleicht gar nicht über das Potenzial meines Plastikschlittens und mein geübtes Gleiten, sondern fragen sich, was ich zum Frühstück eingeworfen habe.

© Fotos: Kilian und Franziska Draeger


Auch Lust bekommen? Hier sind wie versprochen die coolsten Hänge, die Franzi und Kilian bisher mit dem Bob unsicher gemacht haben:

  • Kolbensattel bei Oberammergau: Etwa 400 Höhenmeter, absolut anfängergeeignet. Am besten nach der Arbeit an einem der Skitourenabende (derzeit Dienstag, Mittwoch, Donnerstag). Man trifft viele Skitourengeher, an denen geübte Bobber natürlich vorbeiziehen.
  • Taubenstein beim Spitzingsee: Etwa 600 Höhenmeter, recht lawinensicher und relativ anfängergeeignet. Auch eine sehr beliebte Skitour, allerdings ziemlich steil.
  • Simetsberg am Walchensee: Etwa 1000 Höhenmeter und eine schöne Kombination aus verschiedenen Fahrerlebnissen: Vom Gipfel aus rast man einen freien Hang hinunter, dann folgt man einem engen, kurvigen Weg und beendet die Tour auf einem breiten Forstweg. Die Abfahrt ist auch bei relativ hohen Lawinenwarnstufen möglich, für die untere Hälfte braucht man allerdings möglichst schnellen Schnee.
  • Heimgarten bei Ohlstadt: 1070 Höhenmeter. Perfekt wird die Abfahrt, wenn viele Bergsteiger den Weg gespurt haben und so viel Schnee liegt, dass auf der Hangseite eine schöne solide Wand entsteht. Dann bietet die Abfahrt Eiskanalcharakter. Am besten geht man nachmittags auf den Heimgarten und fährt in der Dunkelheit ab, um die boblosen Bergsteiger nicht zu erschrecken.
  • Dammkar bei Mittenwald Eine offizielle Skiabfahrt, die freigegeben wird, wenn die Lawinengefahr niedrig genug ist. Rund 1200 Höhenmeter. Auf der gegenüberliegenden Bergseite geht eine Bahn hoch, dennoch ist überschaubar viel los. An manchen Tagen darf man sie offiziell auch mit dem Bob befahren, Infos findet man auf der Website.
  • Gamskar bei Ehrwald: Richtung Wiener Neustädter Hütte (so weit man gehen will). Mittlere Tour, oben recht steil, unten wartet eine Piste. Technisch herausfordernd ist eine Hangquerung, hier kommt die Kantenlosigkeit des Bobs zum Tragen.
  • Kistenkar bei Eschenlohe: Oben schön steil, im Frühjahr muss der Bob unten teilweise getragen werden.
  • Geierköpfe in den Ammergauer Alpen: Oben mit ca. 45 Grad sehr steil, nur bei sehr niedriger Lawinengefahr und für fortgeschrittenere Bobber.

 

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