Ihr Pisser!

Gelbe Flecken auf der Skitour: Impulsive Landschaftskunst? Zeugnisse männlicher Degeneration? Maßnahmen zum Schutz der Natur? Den Mann am Berg soll eine verstehen. Einem Phänomen auf der Spur.

Männer, eigentlich seid ihr uns ja kein Rätsel mehr. Im normalen Leben fallen wir anderen 50 Prozent der Menschheit zumindest immer wieder dem Glauben anheim, euch so prinzipiell verstanden zu haben. Eure Nachrichten haben keinen doppelten Boden, eure Freundschaften funktionieren prima ohne Kommunikation, schon klar. Manchmal aber, da stehen wir vor den Auswüchsen eures Tuns wie der Almöhi vor einem Nagelstudio. Staunend, verwundert, bisweilen verstört.

So wie neulich, auf einer gut frequentierten Skitour, Tage nach dem letzten Neuschnee. Wenige Schritte nachdem die Bindung mit einem satten Klong ihren Dienst angetreten hatte, begann sich ein Mysterium vor mir aufzutürmen, das mit jedem Höhenmeter größer wurde. In frechen gelben Flecken, mal gesprenkelt, mal flächig, mal blässlich, mal kräftig. Und vor allem: mitten in der Spur. Unschlüssig, welche Botschaft mir der Pissfleck übermitteln will, blieb ich bei der ersten, in Schnee erstarrten Pfütze stehen. Zu dominant, zu unausweichlich und bestimmend strahlte mir das grelle, präpontente Zeugnis eines (vermutlich männlichen) Ergusses entgegen, als das ich einfach hätte darüber hinweg ziehen können. Weit mehr als ein Produkt der menschlichen Notdurft, schien dem Fleck ein Ignorieren nicht gerecht zu werden. Also zückte ich die Kamera – in dem Irrglauben, eine Rarität entdeckt zu haben. Wenig später dann die Erkenntnis: Es handelt sich um ein Massenphänomen. 

Diese Einsicht löste zwei Reflexe aus. Männer, ich muss gestehen, der erste war ein egoistischer. Was würde geschehen, fragte ich mich, würde ich meine Felle wiederholte Male diesen Harnstoff-Lachen aussetzen? Würden sie meine Mohair-Fasern einfach wegätzen? Würden ein paar kecke Spritzer 150 Euro Ausrüstung in die Mülltonne befördern? Vorsichtshalber wich ich aus. Und erkundigte mich bei den Herstellern.

Thomas Span von Kohla sagt dazu: „Falls jemand überhaupt reinsteigt, sammeln sich nur oberflächlich Rückstände an. Die werden innerhalb der nächsten Schritte wieder rausgelaufen. Keine Ahnung, ob sich das auf den Geruch des Felles auswirkt. Der Kot von Hunden ist das größere Problem, der verunreinigt die Felle und macht sie stinkig.“

Und Vitus Schweizer von Colltex meint: „Die Auswirkungen von Urin auf unsere Skisteigfelle wurde noch nie untersucht. Es besteht für uns auch kein Bedarf, da noch nie Probleme auftraten. Der Fellflor, der mit Urin einer verunreinigten Skispur in Kontakt kommt, wird beim Weiterlaufen in der Spur wieder ausgestrichen und somit gereinigt. Uns ist kein einziger Fall bekannt, wo daraus ein Problem entstand.“

Kein Grund zur Sorge also. Das schafft Platz für den zweiten Impuls: Empathie. Männer, müssen wir uns Sorgen machen? Was bringt euch dazu, mitten in die Spur zu pieseln? Ohne Zweifel habt ihr gute Gründe, euer Wasser auf den Weg zu lassen. Aber welche? Schritt für Schritt bilden sich in meinem Kopf Hypothesen aus.

These 1: Der moderne Mann – viele Feuilletonisten haben es schon festgestellt – ist im Verfall begriffen. Unbewegliche Hüften erlauben euch keine Seitwärtsdrehung. Ein steifer Rumpf verhindert, dass ihr die Ski abschnallt. Die Knie würden ächzen bei dem Versuch, durch den tiefen Schnee abseits der Spur zu waten. In eurer Not bleibt euch nur der Platz zwischen den Beinen.

These 2: Ihr seid ebenso versierte wie reflektierte Bergfexe und mit den Gefahren alpiner Landschaften bestens vertraut. Weil abzustürzen droht, wer sich naiv ins spurlose Gelände wagt, bleibt ihr lieber auf dem Weg. Verantwortungs- und Risikobewusstsein schreibt ihr groß, hat euch der zivilisatorische Fortschritt doch von jeder Testosteron-Steuerung befreit.

These 3: „Nimm nur Erinnerungen mit, hinterlasse nichts außer Fußspuren.“ Diese Maxime gilt nicht für Künstler wie euch. Ihr erfreut den Geher mit spontanen Ausbrüchen eurer Kreativität. Eure Landschaftskunst drückt sich aus in der expressionistischen Gestaltung des archaischen Raumes. Als ökologisch-ausgerichtete Naturburschen arbeitet ihr dabei ausschließlich mit natürlichen Materialien.

These 4: Euer Beschützerinstinkt macht auch vor Aufstiegsspuren keinen Halt. Die holde Dame an eurer Seite bewahrt ihr im Hänsel-Style vor dem Orientierungsverlust im Nebel und den Angriffen wilder Tiere. Wo es nach Mann stinkt, kommt kein Problembär aus dem Busch gekrochen.

These 5: Junge Männer werden immer unfruchtbarer – das hat die Wissenschaft festgestellt. Kein Wunder, dass ihr da um eure Zeugungsfähigkeit fürchtet. Mit einem Begleiter als Windschutz vor und hinter euch, droht eurem empfindliche Gemächt kein weiterer Schaden, müsst ihr es notgedrungen den unbarmherzigen Kräften der Elemente aussetzen.

These 6: Flora und Fauna der Alpen sind bedroht, das wissen wir alle. Ihr Männer transferiert die Theorie selbstlos in die Praxis und zeigt, wie man Tier- und Umweltschutz tatsächlich lebt. Ihr pinkelt beherzt auf die Spuren menschlicher Fortbewegung, denn jeder Schritt zur Seite könnte ein Schritt in eine Wildschutzzone sein.

Chapeau, meine Herren. Da können wir Frauen uns noch etwas abschauen. Egal wie wir es drehen und wenden, egal ob euer Gesundheits- oder Umweltbewusstsein, euer Kunst- oder Risikobegriff die Ursache ist: Mal wieder ist uns die Männerwelt einen Schritt voraus. Eigentlich hätten wir doch selbst draufkommen müssen, denke ich mir, während ich unbekümmert meine Skier durch die gelbe Pracht schiebe. Wäre diese Praxis für uns Damen doch noch aus einem weiteren Grund unbedingt nachahmenswert: Pieseln wir Hockpinkler direkt in die Spur, laufen wir nicht so leicht Gefahr, unseren nackten Po in den Schnee zu tunken. Ich nehme einen beherzten Schluck aus meiner Flasche und freue mich auf den Moment, wenn meine Blase das nächste Mal zwickt.

Anmerkung:

An dieser Stelle sollten meine Ausführungen eigentlich enden. Hätten sie auch, wäre da nicht Vitus Schweizer, der alte Fuchs von Colltex.  Der wirft nämlich noch eine ganz andere Theorie in den Raum, die mein „vermutlich männlich“ widerlegen will: „Beim Thema ‚Urin in der Skispur‘ ist wichtig zu wissen, dass diese Verunreinigungen normalerweise von Tieren stammen, die in der Nacht die Skispur zur erleichterten Fortbewegung benutzen. Oberhalb der Waldgrenze sind dies hauptsächlich Schneehase und Fuchs, teilweise auch Gämsen. Unterhalb der Waldgrenze kommen Rehe, Hirsche sowie andere kleinere Waldbewohner in Frage. Die Präsenz des Skitourenläufers in der Natur wird von Naturschützern, Jägern und der Wildhut ja sehr oft als störend dargestellt. Immer mehr Gebiete werden von der Regierung zu Wildruhezonen ernannt. Doch sehr häufig halten sich die Tiere gerne in der Nähe der Skispur auf und nutzen die Trampelpfade in der Nacht. Das darf man auch mal als positiv betrachten! Wenn also der Skitourenläufer mit seiner Spur den Tieren nebenbei einen guten Dienst tun kann, nehmen wir die paar Urinspuren doch gerne in Kauf.“

Pfff. Bestimmt waren es die Männchen.