Just jump: Das erste Mal Deep Water Bouldern

Meer und Klettern, was für eine  Traumkombination. Das dachte sich auch Franzi und probierte während ihres Teneriffa-Trips spontan das Bouldern über den Wellen aus. Jetzt weiß sie, warum die Spanier das Ganze „Psichobloc“ nennen.

Mit aller Kraft, die noch in meinen Händen steckt, klammere ich mich an den riesigen Untergriff vor mir. Was ich tue, kann man kaum mehr klettern nennen, vielmehr ist es die pure Weigerung  loszulassen. Unter mir rauscht eine Welle gegen die Küste Teneriffas, Gischt spritzt zurück. Ich weiß, dass das Wasser unter mir tief und die Wellen klein genug sind, um sicher zu fallen, aber es fühlt sich nicht so an. Vorhin noch dachte ich, was für eine wunderschöne Höhle für meine ersten Deep Water Schritte. Jetzt denke ich nur an die schmerzenden Rückenplatscher, in denen meine Saltoversuche vom Sprungbrett früher immer geendet sind.

Mühsam lenke ich meine Gedanken wieder auf die Route vor mir. Rechter Fuß höher, Gewicht aufs Bein. Höhergreifen mit der rechten Hand. Festhalten. Irgendwie komme ich oben am Felsvorsprung an, noch einmal manteln. Boden unter den Füßen. Geschafft – wenn auch mit einem Zigfachen der nötigen Kraft und einem Bruchteil meiner Technik.

„Just jump! Test the water!“ ruft Walter, ein erfahrener Kletterer, der seit Jahren in Teneriffa lebt. Freiwillig die sieben Meter hinunterspringen? Darauf vertrauen, dass die Wellen mich nicht an die Küste werfen? Während ich noch abwäge, springt Dave, ein Mitkletterer aus England, schon. Er prallt weder am Meeresboden auf, noch zerschellt er an den Felsen. Ich hänge mich an einen Felsvorsprung und lasse los. Beinah hätte ich den Moment verpasst, in dem ich eintauche, so sanft fangen mich die Wellen auf. Die Meeresoberfläche ist nicht so hart wie im glatten Schwimmbadwasser. Am Boden komme auch ich nicht an, und mit ein bisschen Suchen finde ich einen glitschigen, aber gut machbaren Weg zurück auf die Felsen. Meine Angst schüttele ich gemeinsam mit dem Meerwasser ab.

Ich weiß jetzt nicht nur, dass wir alles beachtet haben, ich spüre es auch. Der Gezeitenstand ist hoch genug, die Wellen harmlos, Strömungen gibt es hier kaum. Wir haben lokale Kletterer dabei. Alles ist safe.

Das nächste Mal bouldere ich die Route am Höhleneingang gewandter, konzentriere mich auf meine Technik, auf das glitzernde Wasser und die Sonne auf meinem Bauch. Ich tüftele, probiere Varianten, wage mich immer weiter ins Höhlendach. Ich springe jetzt nicht mehr ab, um meine Angst zu überwinden, sondern für dieses herrlich lebendige, freie Gefühl. Der scharfkantige Lavafels schneidet in die Hände, die nassen Kletterschuhe kleben an der Haut – es ist mir egal. Mein Ziel ist es, den halben Höhlenbogen im Überhang zu meistern und dann nach oben auszusteigen.

Immer weiter komme ich. Leider zieht sich das Meer im gleichen Maße zurück, die Ebbe naht. Viel Zeit bleibt mir nicht mehr, dann wird das Wasser zu seicht sein. Dieses Mal muss es klappen. Wieder klammere ich mich viel zu sehr an die Henkel, bohre meine Finger in die Löcher. Mit dem Wasser weicht der Mut. Zitternd greife ich weiter, versuche mich aus dem Überhang in die Senkrechte zu manövrieren. Gerade so reicht die Kraft. Mit jedem Schritt nach oben steigt auch die Fallangst wieder an. Das spanische Wort für Deep Solo, Psichobloc, passt wirklich gut. Es geht vor allem um die Psyche. Emotional bin ich wieder am Anfang – körperlich zum Glück bald am Ziel. Das Schöne an der kommenden Ebbe: Sie zwingt einen, sich in der Sonne auszuruhen.


 

Diese Felshöhle findet man im Süden Teneriffas. Ausfahrt Los Abrigos von der TF-1, Richtung Meer fahren, Wegweisern nach „Montana Amarilla“ folgen. In der Calle  Montana Amarilla gibt es einige Parkplätze. Von dort zu Fuß eine gute Viertelstunde über den Hügel oder an der Küste entlang Richtung Ostnordost, hierhin (28°00’36.0″N 16°37’53.5″W). Wunderschöne Stellen für Psichobloc gibt es natürlich auch in Portugal, auf Mallorca oder anderswo.

 

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