„Nach dem Finale bin ich erstmal zu Opa gefahren“

Von seinen 22 Lebensjahren hat Moritz Hans 16 vor allem an Kletterwänden verbracht. Kein Wunder, dass er schon einige Erfolge an Fels und Plastik vorweisen kann und aktuell im Perspektiv-Kader für Olympia klettert. Wir haben ihn beim Training besucht und ein bisschen über Ninja Warrior, Olympia-Bashing und die legendären Leggins von Wolfgang Güllich geplaudert.

Moritz, Trash-TV ist normalerweise nicht so unser Ding. Aber es war wirklich schwer, an Ninja Warrior vorbeizukommen. Wie kam es dazu, dass du bei der Show mitgemacht hast?
Das war anfangs eher eine Spaßaktion. Mein Bruder Philipp und ich haben zufällig mitbekommen, dass Kandidaten für die Show gesucht werden und wollten das einfach mal ausprobieren. Also sind wir zum Casting gefahren und haben unser Glück versucht. Von 13.000 Bewerbern wählen sie 350 aus – um genommen zu werden, musst du einen Fitnesstest absolvieren und in Interviews überzeugen. Von den ausgewählten Athleten haben dann wiederum 28 die Chance, ins Finale zu kommen. Was soll ich sagen? Irgendwie lief es besser als gedacht und ich bin ziemlich weit gekommen…

„Ziemlich weit gekommen“ ist reichlich untertrieben, schließlich bist du der „Last man Standing“ – keiner hat es weiter geschafft als du. Hast du für diesen Erfolg viel trainiert oder hat man das als Profikletterer einfach drauf?
Eigentlich bringt man durch das Klettern tatsächlich alles Nötige mit, extra dafür trainiert habe ich also nicht. Die meisten Hindernisse erfordern Körperspannung, Kraftausdauer oder Oberkörperpower — alles Dinge, die man auch an der Wand braucht. Für mich war Ninja Warrior eher Abwechslung und Ausgleich zum normalen Training. So weit gekommen bin ich aber wohl vor allem, weil ich das Ganze recht locker angegangen bin. Andere waren rein körperlich fitter, haben sich aber mehr Druck gemacht. Ich hingegen hatte keine riesigen Erwartungen und bin ganz entspannt gestartet, ohne das so wichtig zu nehmen. Nach dem Finale bin ich auch erstmal zu meinem Opa gefahren, der hat an dem Tag nämlich seinen 80. Geburtstag gefeiert.

Nimmst du aus der Erfahrung denn etwas für dein Klettern mit?
Körperlich nicht unbedingt. Aber man wird stärker im Kopf und lernt, nicht zu sehr auf die Umgebung zu achten. So eine TV-Show ist ja ein ein ziemliches Spektakel, das man im Parcours irgendwie ausblenden muss.

Und was sagen eigentlich deine Kletterkumpels zu deinen Krieger-Aktivitäten?
Ach, die sind ganz entspannt. Es ist in der Kletterszene ja gar nicht so selten, dass jemand an solchen Wettbewerben teilnimmt — siehe Jan Hojer oder Sean McColl. Außerdem sehen sie ja, wie schwer die Hindernisse sind und haben durchaus Respekt vor der Leistung.

Kommen wir mal zum Klettern: Du bist ja sowohl bei Wettkämpfen als auch am Fels sehr erfolgreich. Was ist dir wichtiger?
Puh, schwer zu sagen. Mir ist beides sehr wichtig und ich finde, man kann das nicht so richtig vergleichen. Am Ende zählt für mich einfach das Klettern, egal ob an Plastik oder an Felsen. Die Grenzen sind fließend, beides befriedigt mich auf unterschiedliche Art. Momentan steht bei mir das Wettkampfklettern klar im Fokus, aber wenn das irgendwann vorbei ist, werde ich Vollgas am Fels geben.

Du bist aktuell im Olympia-Perspektivkader. Das Klettern 2020 erstmals olympisch ist, ist ja eine umstrittene Sache…
In der Tat. Viele Kletterer sind der Meinung, dass es ihrem Sport schaden wird, eine olympische Disziplin zu sein und dass die Kommerzialisierung auf Kosten des Spirits geht. Das kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Für mich sind die Olympischen Spiele in erster Linie eine schöne Entwicklungschance für den Klettersport. Mir ist zwar bewusst, dass vor allem viele Felskletterer das ganz anders sehen, aber ich kann das Bashing nicht nachvollziehen. Manchmal frage ich mich, was dahintersteckt. Ist es Neid? Angst vor Sponsorenverlusten? Sorge, dass die Massen an den Fels strömen? Ich halte jedenfalls alle Punkte für unbegründet. Wettkampf- und Felsklettern waren vor Olympia zwei verschiedene Welten und werden es auch danach sein. Diese ganze negative Stimmungsmache empfinde ich deshalb als deplatziert. Aber vermutlich kann man da nur da nur abwarten, wie sich das Ganze letztlich entwickelt. Manche Kletterer haben ihre Meinung ja bereits geändert. Alex Megos ist ein gutes Beispiel. Er nimmt ja jetzt auch an Wettkämpfen teil, obwohl er das vorher ausgeschlossen hat.

Wie findest du, dass mit Lead, Speed und Bouldern drei Disziplinen in einen Topf geschmissen werden?
Komisch, aber gar nicht so schlimm. Das liegt vermutlich daran, dass ich 2015 Vize-Weltmeister bei den Junioren im Overall war und Speed für mich nicht so fremd ist wie für viele andere. Und im Klettern und Bouldern bin ich ohnehin zuhause. Außerdem zählt ja die Gesamtwertung — und für die hilft es ja trotzdem, wenn man in einer oder zwei Disziplinen richtig stark ist.

Wie schätzt du die Chancen ein, dass du am Ende tatsächlich für Deutschland kletterst?
Das ist total schwer einzuschätzen. Das Auswahlverfahren ist lang und hart und am Ende dürfen nur die international stärksten 20 Athleten teilnehmen. Es ist also gar nicht gesagt, dass darunter Deutsche sein werden. Und selbst wenn, sind die Plätze mit zwei Frauen und zwei Männern sehr knapp. Es wird also extrem hart, einen zu ergattern — so hart, dass man nicht wirklich damit rechnen kann, denn es gibt aktuell sehr viele starke Kletterer. Es ist einfach noch zu früh, dazu eine Aussage zu treffen, denn die Vorbereitungen laufen ja noch. In Innsbruck steht im September ein Overall-Worldcup an, der als eine Art Olympia-Imitation gilt. Wer dort wie abschneidet, wird sicher eine wichtige Rolle spielen.

Mal ganz abseits von Medaillen, Ticklists und Podiumsplätzen: Was bedeutet Klettern für dich persönlich?
Freiheit.

In welcher Hinsicht?
In jeder Hinsicht. Klettern bringt mich an fremde Ort und zu neuen Menschen, vor allem aber ist es ein innerer Aspekt. Ich fühle mich wohl an der Wand, Klettern ist mein Leben und meine Familie. Ich muss mich in dieser Welt nicht verstellen, sondern kann so sein, wie ich bin und das tun, was ich am liebsten mache. Es ist natürlich, leicht, fühlt sich gut an. Beim Klettern bin ich ganz ich selbst – für mich ist das der Inbegriff von Freiheit.

Dein Bruder Philipp klettert auch. Seid ihr sowas wie die jungen Huberbuam?
Auf jeden Fall haben wir ein besonderes Verhältnis. Wir sind beste Freunde und wohnen zusammen in einer WG. Wenn wir zusammen klettern oder trainieren, ist das einfach anders als mit Freunden oder Teamkollegen. Jeder weiß genau, wann der andere getriezt werden muss oder Zuspruch braucht. Es ist klar, wo die Grenzen sind – und was man tun muss, um sie zu verschieben. Das Vertrauen ist einfach essentieller, man versteht sich auf einer anderen Ebene und ohne viel darüber zu reden. Einfach, weil man sich so verdammt gut kennt. Diese Art der Kommunikation kann man selbst mit einem eingespielten Seilpartner nicht erreichen.

Welche Kletterer inspirieren dich gerade?
Aktuell gibt es viele beeindruckend starke Leute, aber ehrlich gesagt würde ich am liebsten in die Vergangenheit reisen und mal Kurt Albert oder Wolfgang Güllich treffen. Ich glaube, die beiden hatten damals eine geniale Zeit und einen anderen Spirit, viel weniger diszipliniert als wir heute. Für die gab es mehr zu entdecken, mehr zu erobern, sie waren einfach Pioniere. Ich finde das sehr cool.

Nicht zu vergessen die geilen Hosen.
Stimmt! Die bunten Leggins damals, mega!

Du bist selbst ein extrem starker Kletterer. Hast du einen Tipps für uns Normalsterbliche, wie man an der Wand stärker wird?
Hm. Ich glaube am meisten profitiert man davon, im Kopf kindlich zu bleiben. Wenn man die Dinge neugierig, locker und intuitiv angeht, kann man am meisten erreichen. Dann verkrampft man nicht, hat weniger Angst, wagt mehr Neues und vertraut seinem Körper. Ich halte diesen kreativ-lockeren Ansatz für enorm wichtig, um sich an der Wand weiterzuentwickeln. Und außerdem sollte man natürlich einfach so viel wie möglich klettern, um das Bewegungsspektrum zu erweitern und neben Kraft auch Vertrauen aufzubauen.

Wie sieht dein Trainingspensum aus?
Ich klettere so gut wie jeden Tag und mache zusätzlich spezifisches Krafttraining, zum Beispiel mit einer Langhantel, am Sling-Trainer oder am Campusboard. Ich habe aber keine felsenfeste Routine oder eine strikten Trainingsplan.

Hat man also Profi eigentlich noch Sturzangst?
Klar! Das kommt vor allem draußen am Fels immer mal wieder vor.

Was tust du dagegen?
Ich weiß nicht, ob man das draußen ganz weg kriegt. Aber in der Halle hilft es, konsequent zu klettern bis man fällt — egal, wie weit man gerade über der Exe ist. Man muss einfach viel, viel, viel Fallen, um Vertrauen aufzubauen und locker zu werden. Sich an die Sache herantasten, bewusst stürzen und immer wieder spüren, dass nichts passiert. Dass man sich auf Sicherer und Material verlassen kann. Irgendwann verschwindet so die Angst. Vor allem in Wettbewerben kann man sie dann einfach durch Konzentration und Fokus ausblenden.

Und kennst du auch diese Frustphasen, in die man beim Klettern immer mal wieder gerät, wenn nichts weitergeht?
Na klar! Klettern ist ein ständiger Wechsel von Ups und Downs. Wenn es mal wieder nicht so läuft, versuche  ich einfach, mich nicht unterkriegen zu lassen. Entspannt bleiben, geduldig sein, keine Zwänge zuzulassen. In solchen Momenten besinne ich mich darauf, was mir das Klettern bedeutet und was es mir gibt. Man darf den Spaß nie vergessen. Außerdem finde ich Felsprojekte irgendwie befriedigend. Die laufen nicht weg, man kann so lange tüfteln, wie man will. Wenn es nicht läuft, kommt man halt ein anders Mal wieder und hat eine neue Chance.

Du studierst in Stuttgart und arbeitest dort in der Kletterhalle. Kann man eigentlich irgendwo draußen klettern, wenn man dort lebt?
Zum Bouldern ist man recht fix in der Schweiz, das geht schon mal über’s Wochenende. Ansonsten gibt auch ein paar Spots in der Nähe, aber das ist so eine Sache, weil in Baden-Württemberg Bouldern im Freien ja nicht erlaubt ist…

Erkennt dich in er Kletterhalle eigentlich manchmal jemand als den Typen aus dem Fernsehen?
Das kommt tatsächlich vor, flaut jetzt aber schon wieder etwas ab. Vor allem Jungs zwischen zehn und 13 sind oft wirklich große Fans von Ninja Warrior. Die Fernsehauftritte haben sich aber vor allem in den sozialen Medien bemerkbar gemacht: Mein Facebook-Konto ist schier geplatzt vor lauter Freundschaftsanfragen.

Letzte Frage: Mit Blick in die Zukunft – was hast du demnächst so vor?
Morgen muss ich erstmal die ersten Uni-Klausuren meines Lebens überstehen. In Sachen Klettern will ich endlich mal nach Südafrika in die Rocklands und auch unbedingt wieder nach Margalef oder Siurana in Spanien. Ich bin ja eher so der Sonnenkletterer und friere mir nicht gerne draußen den Hintern ab – egal, wie gut der Grip am Fels dann auch sein mag. Im Winter packe ich mich einfach lieber dick ein und gehe Skifahren. Und sonst? Ich will beim Overall-Cup in Innsbruck gut abschneiden, denn da ist ja auch noch dieses Olympia-Thema…


 

Mehr über Moritz Hans erfahrt ihr auf seiner Webseite . Für die 8a.nu-Freaks
unter euch: Seine wichtigsten Erfolge am Fels sind „Riverbed“ (Magic Wood, 8b Boulder), „Karma“ (Fontainbleau, 8a+ Boulder), „Le théatre du No“ (Le Kronthal, 8b Route), „Photo Shot“ (Margalef, 8b Route), „El Ball de Triceps“ (Margalef, 8b Route) und „Commando Madrid“, (Mallorca, 8b Route). Auch bei Wettkämpfen hat Moritz schon viel erreicht:  Zum Beispiel war er 2015 Vize-Weltmeister bei den Junioren im Overall, hat 2016 den 9. Platz beim Boulder Weltcup in München erreicht und den ersten Platz beim Europacup im Bouldern in Längenfeld 2015. Im selben Jahr war er Europacup-Gesamtsieger bei den Junioren im Bouldern und hat 2016 den 14. Platz beim Boulder-Weltcup in Mumbai erkraxelt.

© Fotos: Simon Hofmann für hochmut.de

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