Schöner Stürzen

Vor ein paar Wochen haben wir bei einem Sturztraining mitgemacht – und richtig coole Trainer erwischt. Deshalb gab es nach vielen Fallmetern noch ein gemeinsames Bier und ein paar Fragen. Herausgekommen ist ein spannendes Interview über Angst, miese Sicherer und mangelnde Sturzkultur in deutschen Kletterhallen. Und ein paar Tipps für beide Seilenden gab es obendrein.

Ihr beide seid Sicherheitsforscher beim Deutschen Alpenverein. Was macht man da so?

Julia Janotte: Wir beschäftigen uns vor allem mit der Frage, warum Unfälle im Berg- und Klettersport passieren und wie man sie vermeidet. Dabei spielen Menschen, unterschiedliche Settings und das Material eine Rolle. Beim Klettern interessieren uns zum Beispiel, welche Fehler zu Bodenstürzen führen oder in welchen Situationen Stürze besonders heikel sind. Aber auch: Was bringt Karabiner zum brechen? Wann drohen Seilrisse? Wenn schwere Unfälle passieren, analysieren wir die Unfallursache. Bei Bedarf rekonstruieren wir auch mal vor Ort den Ablauf. Wir wollen genau verstehen, was schief gelaufen ist. Denn all unsere Studien, Analysen und Gutachten dienen einem Zweck: Schlüsse für die Praxis zu ziehen und Wissen weiterzugeben, damit weniger passiert. So wie eben bei unserem Sturztraining.

Ihr befasst ihr euch ständig mit Unfällen. Kann man da überhaupt noch entspannt klettern?

Christoph Hummel: Auf jeden Fall. Letztlich zeigt die Statistik ja: Klettern in der Halle ist ziemlich sicher, da passiert nicht viel. Eigentlich machen wir uns mehr Sorgen um Leute, die in den Bergen unterwegs sind und dort Hoch- oder Skitouren machen. Im Vergleich dazu passiert beim Hallenklettern echt wenig.

„In der Halle sieht man irre viele Fehler. da will man innerlich die ganze zeit laut stopp rufen“ – Julia janotte

DAV-Sicherheitsforscherin Julia Janotte (Bild: Franz Güntner)

Julia: Ich kann das auch gut trennen und denke beim Klettern nicht weiter darüber nach. Von meiner Arbeit weiß ich ja, dass meist nicht das Material, sondern der Mensch an Unfällen schuld ist. Alle uns bekannten tödlichen Unfälle in Kletterhallen gehen zum Beispiel auf Fehler beim Einbinden zurück. Ist man konsequent aufmerksam, passiert so etwas nicht. Ich habe schon ein geschärftes Sicherheitsempfinden, aber das nimmt mir nicht die Lockerheit beim Klettern. Besorgter bin ich eher geworden, wenn es um andere geht. Es fällt mir manchmal schwer, in der Kletterhalle entspannt zu bleiben und nicht permanent im „Bademeister-Modus“ zu sein. Man sieht einfach so irre viele Fehler, da schreit man innerlich die ganze Zeit laut „Stopp“. Aber auch da versuche ich mittlerweile, eine lockere Haltung einzunehmen – und schreite nur ein, wenn es absolut notwendig und der Absturz vorprogrammiert ist.

Welche Fehler sind denn am häufigsten?

Christoph: Beim Sicherer: Zu viel Schlappseil, zu viel Abstand von der Wand, zu wenig Körperspannung und falsches Handling von Sicherungsgeräten – etwa Leute, die ihre Bremshand nicht am Seil lassen. Beim Kletterer: das Klippen von Exen aus unmöglichen, wackeligen Positionen.

Julia: Mangelnde Aufmerksamkeit ist auch ein großes Problem. Zum Beispiel Leute, die zu Beginn einer Route direkt unter dem Kletterer stehen statt seitlich versetzt. Bei einem Sturz würden sich beide verletzen, weil der eine auf den anderen fällt. Große Gewichtsunterschiede verschärfen die Problematik noch. Wenn da einer stürzt und der andere direkt drunter steht, sind schwere Verletzungen vorprogrammiert. In dem Zusammenhang sieht man auch oft Leute, die falsch spotten. Bevor das passiert, lasse ich das Spotten in der Halle lieber bleiben. Konzentriert und aus einer guten Position heraus sichern ist dann schlauer. Manchen fehlt außerdem völlig das Bewusstsein, dass bis zu einer Höhe von sieben Metern akute Bodensturzgefahr herrscht – vor allem bei geraden Routenverläufen ohne viel Seilreibung.

Christoph: So gesehen ist es gut, dass es in deutschen Kletterhallen keine Sturzkultur gibt.

Wie meinst du das?

Christoph: Stürze werden hierzulande – wo es geht – vermieden oder vorher angekündigt. Sobald es heikel wird, schallt ein „Zu“ durch die Halle. Die meisten setzen sich lieber kontrolliert ins Seil statt zu fallen. Das ist zwar schade, weil es die Kletterleistung negativ beeinflusst. Aber da 90 Prozent nicht ordentlich sichern, ist es irgendwie auch gut so, weil weniger passiert. Generell kann man sagen: Die fatalen Fehler macht selten der Kletterer, sondern meist der Sicherer. Viele Bodenstürze sind die Folge von falschem oder schlechtem Sichern – und da sind Unfälle beim Ablassen noch nicht mal eingerechnet.

90 Prozent sichern also schlecht? Ist das nicht ein bisschen arg pessimistisch?

Christoph: Überhaupt nicht. Ich meine mit dieser Zahl ja nicht, dass es deshalb gleich zu schlimmen Unfällen kommt. Schwere Stürze verhindern können schon die meisten, Lebensgefahr besteht in der Regel nicht. Aber es ist auf jeden Fall nicht so, wie man sich perfektes Sichern vorstellt. Oder anders gesagt: Die Pflicht sitzt, aber an der Kür hapert es enorm.

„es gibt zwei dimensionen des sicherns: sicher sichern und gefühlvoll sichern. letzteres ist richtig schwer“ – christoph Hummel

Wie sähe die Kür denn aus?

DAV-Sicherheitsforscher Christoph Hummel (Bild: privat)

Christoph: Es gibt zwei Dimensionen von Sichern. Die erste: sicheres Sichern. Also Bodenstürze und schlimme Unfälle verhindern, Lebensgefahr vermeiden. Das haben die meisten drauf und die Statistik belegt das. Die zweite Dimension ist gefühlvolles, durchdachtes Sichern. Sichern, das dem Kletternden angenehme Stürze verschafft und leichtere Verletzungen verhindert. So zu sichern erfordert 100 Prozent Aufmerksamkeit, Wissen, Erfahrung, Übung und Präsenz. Aber es lohnt sich. Wer so jemanden am Seilende stehen hat, kann ganz anders klettern und komfortabel stürzen. Das wirkt sich auch auf die Kletterleistung und das Angstempfinden aus.

Komfort beim Stürzen? Puh. Geht das überhaupt?

Julia: Unbedingt. Wer einen guten Sicherungspartner hat, kann ganz anders klettern und stürzen. Für mich zum Beispiel ist es richtig schön, wenn die Arme dicht sind und ich einfach loslassen kann. Alles steht und fällt mit dem Sicherer: Wenn er je nach Situation den Sturz bremsen oder verlängern kann und so weich sichert, dass ich mich nicht blöd anhaue oder ins Pendeln komme, ist viel gewonnen.

Was kann man denn tun, um einen Sturz möglichst weich und angenehm zu gestalten?

Julia: Da gibt es verschiedene Techniken. Zum Beispiel körperdynamisches Sichern. Sobald sich das Seil bei einem Sturz strafft, also der Sturzzug beim Sicherer ankommt, geht man aktiv mit – in Richtung der ersten Exe. Man springt also dem Stürzenden ein Stück entgegen. Das ist vor allem wichtig, wenn der Kletterer leichter ist als der Sicherer. Umgekehrt zieht es den Sichernden ohnehin meist von den Füßen. Auch das sollte man (vorsichtig) üben.

Manchmal ist es auch nötig, einen Sturz so kurz wie möglich zu halten. Was kann man da tun?

Christoph: Dann sollte man recht eng sichern, ohne Schlappseil. In manchen Fällen ist es auch sinnvoll, bei einem Sturz noch schnell Seil einzuziehen – etwa durch Zurücklaufen. Kürzer wird ein Sturz auch, wenn man in die Knie geht und sich ein bisschen zurückwirft, sobald sich das Seil strafft. So können selbst leichte Sicherer Stürze etwas verkürzen. Klar ist aber auch, dass ein kurzer Sturz schnell hart werden kann, wenn man Dosierung und Timing nicht perfekt beherrscht. Es ist wichtig, zu üben und Erfahrung zu sammeln. Das ist ein bisschen wie Bremsen beim Auto: Das dosiert man als Anfänger auch oft zu weich oder hart oder schätzt den Bremsweg nicht richtig ein. Aber im Laufe der Zeit entwickelt man ein Gefühl dafür. Das ist beim Sichern nicht anders.

Was muss ich noch können, um mich der Kür zu nähern?

Christoph: Mitdenken ist wichtig. Klettert jemand zum Beispiel über einem Felsvorsprung oder sehr nah über bei einem anderen Kletterer, muss ich die Sturzlänge anpassen. Und: auf Stürze vorbereitet zu sein – vor allem dann, wenn sie zum Beispiel im kritischen Moment des Klippens passieren. Auch ein bisschen Bewegung schadet nicht. Wer sich beim Seilausgeben und -einziehen leicht nach vorne und hinten bewegt, kann die Abläufe beim Klippen flüssiger gestalten.

„Es ist völlig okay, erstmal im Toprope loszulassen und sich ganz langsam ans stürzen ranzutasten. Erzwingen kann man da nichts“ – Christoph Hummel

Klingt logisch. Aber gibt es auch Situationen, in denen der beste Sicherer nichts mehr ausrichten kann?

Christoph: Auf Platten können Stürze extrem unangenehm werden und in Bodennähe wird es schnell heikel. Die Gefahr von Bodenstürzen besteht halt auch, wenn irgendwo weit oben in der Route Felsvorsprünge sind. Das sollte man immer auf dem Schirm haben, egal an welchem Seilende man sich befindet.

In euren Kursen geht es auch darum, überhaupt mal Mut zum Stürzen zu entwickeln. Wie tastet man sich als Kletterer am besten an das Thema ran?

Julia: Man muss die Angst loswerden und verstehen, dass zum Stürzen beim Klettern beide gehören – Kletterer und Sicherer. So banal es klingt: Dafür darf man Stürze nicht dauernd vermeiden, sondern muss sie regelmäßig üben. Am besten bei jedem Training. Stürzen muss für beide Seilpartner selbstverständlich werden. Wichtig ist, das unter „sicheren“ Bedingungen – zum Beispiel bei einem Kurs – zu tun und sich langsam zu steigern. Unkontrollierte Harakiri-Aktionen sind hier fehl am Platz.

Christoph: Man kann sich so langsam herantasten, wie man will – es muss immer eine „Challenge by choice“ sein. Erzwingen kann man da nichts. Es ist völlig okay, erstmal nur im Toprope loszulassen oder direkt an der Exe und dann den Abstand Stück für Stück zu steigern. Wichtig ist auch, die Erfahrung zu machen, dass nichts passiert: kein Ruck ins Kreuz, kein Pendeln, kein doofes Anhauen. Nur so kann man Vertrauen aufbauen.

Welche Geräte empfehlt ihr zum Sichern?

Julia: Halbautomatische Sicherungsgeräte. Die bieten einfach einen größeren Sicherheitspuffer. Laut Unfallstatistik passierten in den letzten Jahren „Durchrauschunfälle“ am ehesten mit dem Tube.

Und welchen Knoten zum Einbinden?

Julia: Ich verwende den doppelten Bulin, weil er sich beim Stürzen weniger zuzieht und sich leichter öffnen lässt. Aber Anfänger sind mit dem klassischen Achter besser beraten. Er ist übersichtlicher und lässt sich leichter kontrollieren. Fehler fallen schneller auf, das ist ein Sicherheitsaspekt. Egal, welchen Knoten man verwendet: Man sollte ihn konzentriert knüpfen, sorgfältig überprüfen und immer einen Partnercheck machen. Die schon angesprochenen Einbindefehler sind zum Teil auch erfahrenen Kletterern passiert. Routine bedeutet oft weniger Aufmerksamkeit. Das ist in der Vergangenheit schon Profis wie Kurt Albert zum Verhängnis geworden.

Wie sieht es mit großen Gewichtsunterschieden aus?

Christoph: Die sind natürlich nicht ideal, aber man kann sie ein Stück weit ausgleichen. Etwa durch technische Hilfsmittel wie das Ohm oder kleine Kniffe wie das Ausklippen der ersten Exe, damit es den Sichernden bei einem Sturz nicht direkt hineinzieht. Außerdem sollte man den Gewichtsunterschied beim Stürzen berücksichtigen, indem man zum Beispiel bei einem schwereren Kletterer gegen den Sturzzug arbeitet oder bei einem leichteren Kletterer bewusst nach oben springt.

Jetzt haben wir viel über den Sicherer gesprochen. Was kann der Kletterer beim Stürzen tun?

Christoph: Ganz wichtig: Aus möglichst stabilen Positionen klippen und nicht total instabil und überstreckt. Stürze beim Klippen sollten absolut vermieden werden. Sonst: Beim Stürzen die Körperspannung halten, Hände weg vom Seil, auf keinen Fall versuchen in eine Exe zu greifen, Füße breit und nach vorne. Wer kann, sollte seine Position im Hinterkopf haben und möglichst so abspringen, dass man wieder über die Exe kommt. Das vermeidet Pendelstürze.

Titelbild: © Elmar Witt


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