„Furchtbar, aber vermeidbar“

Ende April geriet eine Gruppe Skitourengeher in den Walliser Alpen in einen Sturm und musste die Nacht im Freien verbringen. Die Hälfte überlebte das nicht. Schuld seien ein überraschender Wetterwechsel, plötzlicher Sturm und ein heftiger Temperatursturz, vermeldeten die Medien. Wirklich? Ein Gespräch mit dem Tiroler Meteorologen Karl Gabl – dem Wetter-Guru der Profi-Bergsteiger.

Herr Gabl, wie unberechenbar ist das Wetter in den Bergen?

Karl Gabl: Es ist überhaupt nicht unberechenbar, sondern das genaue Gegenteil: präzise vorhersagbar. Die Prognosen sind mittlerweile so gut, dass es keine großen Überraschungen mehr gibt. Manchmal treten vorhergesagte Ereignisse ein wenig früher oder später ein oder sie fallen etwas stärker oder milder aus als gedacht. Das war es dann aber auch schon. Die Vorhersagen selbst sind extrem genau und zuverlässig. Wer einen guten Wetterbericht anschaut, weiß also vorher, was wettermäßig in den Bergen zu erwarten ist.

Trotzdem reden nach dem Unglück in den Schweizer Alpen alle von einem „plötzlicher Wetterumschwung“, der die Skitourengeher überrascht haben soll… 

Wetterexperte Karl Gabl (Foto: S. Geiger)

Das würde kein Meteorologe sagen. Nur die Medien berichten so darüber – wohl aufgrund einer Mischung aus Gewohnheit, Wunschdenken und Unwissen. Aber es entspricht nicht den Tatsachen. Und erweckt überdies den falschen und gefährlichen Eindruck, dass man sich vor solchen Wetterereignissen nicht schützen kann. Wie gesagt: Es gibt keine Wetterüberraschungen mehr in den Bergen.

Sind die Skitourengeher also sehenden Auges ins Verderben gelaufen?

Dieser Unfall ist sehr tragisch verlaufen und war eine Verkettung unglücklicher Umstände. Von einem österreichischen Bergführer, der in unmittelbarer Nähe unterwegs war, habe ich erfahren, dass bis zum Nachmittag keine gravierenden Anzeichen für einen Wettersturz erkennbar waren. Es ist alles schiefgegangen, was schiefgehen konnte. Ein italienischer Bergführer hat sein Leben verloren bei dem Versuch, die Gruppe in Sicherheit zu bringen. Die Erschöpfung der Teilnehmer, unzureichende Ausrüstung und der Verlust der Orientierung haben ihren Teil zu dieser Tragödie beigetragen. Doch so furchtbar dieses Unglück auch ist, es wäre vermeidbar gewesen.

Wie denn?

Ich kann nur allgemein sprechen, weil ich nicht weiß, was genau vorgefallen ist. Auf solchen Führungstouren ist viel Gruppendynamik im Spiel. Die Tour ist gebucht und die Teilnehmer wollen das Ziel erreichen. Das spüren auch die Bergführer. Wenn sie umdrehen oder gar nicht erst aufbrechen, trifft sie der Unmut der Gruppe. Aber ein schimpfender Gast ist besser als ein toter Gast. Der österreichische Bergführer, von dem ich eben erzählt habe, hat an dem Unglückstag die Notbremse gezogen und ist auf eine andere, nähergelegene Hütte ausgewichen.

Und was bedeutet das für den einzelnen Bergsportler?

Für jeden etwas anderes, weil sich das Können unterscheidet. Für den normalen Wochenend-Wanderer heißt es zum Beispiel, dass man an Sommertagen mit Gewittergefahr eine Tour mit Hütten einplant und sehr früh aufbricht, um schon am frühen Nachmittag zurück im Tal zu sein. Die meisten Sommergewitter ziehen nämlich um diese Zeit auf. Für ambitionierte Bergsportler bedeutet dieselbe Wetterlage, dass man lange Gratkletterei ebenso vermeidet wie lange Abseilpisten, auf Unterstände und Hütten in der Nähe achtet und Touren wählt, bei denen man sich im Zweifel schnell abseilen kann. Kurzum: Niemand muss daheim bleiben, nur weil die Wetterlage nicht 100 Prozent sicher ist. Aber jeder muss abwägen, was unter den gegebenen Bedingungen machbar und sicher ist.

Der Unfall zeigt aber auch, dass größere Projekte viele Fähigkeiten voraussetzen, die man nicht einfach auf einen Bergführer auslagern kann. 

Natürlich. Wer anspruchsvolle Mehrtagestouren oder größere Abenteuer plant, muss im Zweifel andere Dinge können als ein gemütlicher Hüttenwanderer. Dazu gehört zum Beispiel die Fähigkeit, sich im Gelände zu orientieren, die richtige Ausrüstung dabei zu haben oder zu wissen, wie man sich in Notfällen verhält. Das ist nicht allein Aufgabe des Bergführers, sondern fällt zu einem guten Teil in die Eigenverantwortung. Einen Biwaksack für ein bis zwei Personen zum Beispiel sollte jeder im Rucksack haben.

Trotzdem ist man nicht immer auf alles vorbereitet. Was kann man tun, wenn man zum Beispiel in dichten Nebel gerät oder in eine Kaltfront?

Wer größere Touren macht, muss sich mit GPS, Kompass und Karten auskennen. So ist Orientierung auch bei dichtem Nebel und schlechten Sichtverhältnissen möglich. Das kann lebensrettend sein. Außerdem sollte man wissen, was im Notfall zu tun ist – bei Sturm zum Beispiel eine Schneehöhle bauen, ein Notbiwak machen, bei Kälte in Bewegung bleiben und sich nicht hinsetzen oder gar hinlegen. Das kann man gar nicht oft genug sagen: So ein Biwaksack wiegt nur knapp 160 Gramm und passt in jeden Rucksack. Er hilft, der Kälte länger zu trotzen. Das ist nicht nur für Bergsteiger, sondern auch für Skifahrer sinnvoll: Wer sich verletzt und auf Rettung wartet, muss oft lange Zeit bei niedrigen Temperaturen ausharren. Vor allem, wenn der Hubschrauber aufgrund schlechter Sichtverhältnisse lange braucht. Da ist ein Biwaksack unendlich wertvoll. Auch wichtig: Den Erlebnisdruck nicht zu groß werden zu lassen.

Wie meinen Sie das?

Wir erleben oft, dass die Menschen unbedingt Abenteuer erleben wollen. Viele nehmen sich für die Touren frei, freuen sich darauf, haben viel Geld dafür bezahlt. Da werden im Zweifel mehr Risiken eingegangen als es ratsam wäre. Aber es gehört eben auch dazu, mal zu scheitern und abzubrechen. So sind die Berge.

In einem Kommentar zum Unfall in den Schweizer Bergen schreibt Jörg Kachelmann: „Viele Menschen denken, dass Apps das Beste seien, was Wettervorhersage kann. Das Gegenteil ist der Fall. Die furchtbare Qualität von Wettervorhersage-Apps tötet Menschen.“ Stimmt es denn, dass viele Anwendungen auf dem Handy nichts taugen?

Größtenteils schon, ja. Die Datengrundlage der meisten Apps ist für gute Vorhersagen völlig unbrauchbar. Die meisten Apps würde ich nur beim Sommerurlaub am Strand empfehlen, für mehr taugen sie nicht. Und in Sachen Bergwetter sind solche Apps eher gefährlich als nützlich.

Wo kann man sich dann gut informieren?

Die Bergwetter-Vorhersagen der Alpenvereine sind eine gute Quelle. Aber auch Internetseiten wie Meteoblue oder Wetter-Online sind in Ordnung. Solche Dienste liefern qualitativ hochwertige Daten, die genaue Vorhersagen liefern. Ein guter Tipp ist auch, sich bei geografisch nahegelegenen nationalen und privaten Wetterdiensten zu informieren.  Die haben oft die besten Prognosen.

 


 

Karl Gabl, 71 Jahre, ist Bergführer, Meteorologe und Präsident des Österreichischen Kuratoriums für alpine Sicherheit. Er hat mehrere Bücher zum Thema Bergwetter geschrieben und war bis zu seiner Pensionierung Leiter der Innsbrucker Regionalstelle der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik. Auf seine Wetterprognose verlassen sich bekannte Expeditions-Bergsteiger wie Roger Schäli, Simone Moro, Ralf Dujmvits oder Gerlinde Kaltenbrunner.

 

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