Top secret: Bouldern im Frankejura

Wer im Frankenjura klettern will, findet im Netz und in Büchern tausende Routen. Wer jedoch bouldern will, muss sich auf sein eigenes Wissen verlassen. Denn um die fränkischen Boulderspots wird ein großes Geheimnis gemacht. Warum?

Wer draußen bouldern will, stößt bei der Recherche schnell auf bekannte Boulder-Reviere wie Fontainebleau bei Paris, Magic Wood in Graubünden oder das Tiroler Zillertal. Will man dagegen in Bayern bouldern, heißt es suchen. Und das hat seine Gründe: Einerseits sind gute Bouldergebiete am bayerischen Alpenrand selten und technisch meist anspruchsvoll: da ist das Blaueis im Berchtesgadener Land, das Gebiet um Kochel oder das Oberallgäu mit seinen Nagelfluh-Wänden, Sandstein- und Kalkfelsen. Andererseits halten sich die Locals im größten und wichtigsten Revier des Freistaats, dem Frankenjura, bewusst mit Informationen zurück.

Klettern ist im Frankenjura kein Problem: Die Routen haben eine lange Tradition und sind in zahlreichen Führern einsehbar.

Das Gebiet zwischen Nürnberg, Bamberg, Bayreuth und Amberg ist mit seinem festen, griffigen Kalk, den vielen Lochfelsen und Überhängen weltberühmt fürs Seilklettern. Mehr als 12.500 Sportkletterrouten gibt es dort, darunter einige Meilensteine des Kletterns wie die Route „Action Directe“, mit der Wolfgang Güllich 1991 erstmals im elften Schwierigkeitsgrad kletterte.

Auch fabelhafte Boulderfelsen gibt es dort – sofern man sie findet. Denn während in den Bücherregalen en masse Kletterführer für den Frankenjura stehen, gibt es dort keinen einzigen Boulderführer. Locals halten die Spots seit Jahren geheim. Auch im Netz, wo man normalerweise immer fündig wird, gibt es nur spärliche Informationen.

Schuld daran ist der sogenannte Boulderappell, eine Art selbst auferlegte Verschwiegenheitsverpflichtung einheimischer Kletterer. Die IG Klettern Frankenjura, Fichtelgebirge und Bayerischer Wald veröffentlichte den Appell erstmals vor 16 Jahren gemeinsam mit dem DAV und Naturschutzverbänden. Die IG Klettern ist ein Interessensverband, der sich für Kompromisse zwischen Naturschutz und Klettersport einsetzt. Die wichtigsten Grundsätze der Selbstverpflichtung: Keine Veröffentlichung von Bouldergebieten in Boulderführern und im Internet sowie keine Boulderkurse am Fels.

„Je mehr Leute draußen bouldern, desto größer werden die Probleme“ – Maik Urbczat, Befürworter des Boulderappells

Damit will die IG Klettern verhindern, dass noch mehr Klettergebiete gesperrt werden. Die liegen nämlich häufig auf Privatgrund, zum Beispiel auf Kuhweiden, und dort kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Problemen, sagt Maik Urbczat, einer der Unterzeichner des Boulderappells. Er erzählt, wie Leute Müll und Kippenstummel in den Wald werfen, unerlaubt campen, Feuer machen, Brutzeiten missachten oder Tiere aufscheuchen. Die Folge: Bauern sperrten ihren Grund für Kletterer, obwohl sie sie zuvor eigentlich duldeten. Auch Naturschutzbehörden und Förster forderten immer strengere Regeln. Und je mehr Leute draußen bouldern, umso größer werden die Probleme, sagen Befürworter des Boulderappells.

Bouldern hingegen erfordert Insiderwissen: Hier das Problem „Cypherpunks“. Bild: Maik Urbczat

Dabei gibt es durchaus Kritik an der rigiden Regelung. Gerade im Netz streitet die Szene darüber. Einige werfen den fränkischen Locals vor, eine eingeschworene Clique zu sein, die die Felsen für sich beansprucht. „Die Boulder gehören nicht euch und wenn jemand ein Topo mit Zugangsbeschreibung veröffentlichen will, kann er das machen“, heißt es zum Beispiel bei kletterszene.com. Andere ärgern sich über die Inkonsequenz der fränkische Kletterszene: Einerseits würde man Videos, Fotos und Datenbanken von Bouldern im Frankenjura bereitstellen, andererseits dann die Wegbeschreibung vorenthalten. „Warum lenke ich die Aufmerksamkeit auf die fränkischen Boulder, wenn ich Sorge um die Zukunft des Bouldergebiets habe?“, fragt jemand. Auch Kletterführer-Autor Harald Röker aus Immenstadt kritisiert die Doppelmoral fränkischer Kletterer, die trotz des Boulderappells Routen ins Netz stellen. „Wenn ich etwas nicht publik machen will, erzähle ich niemandem davon.“ Bei auswärtigen Boulderern wächst durch solche Veröffentlichungen der Eindruck, als sei der für den Natur- und Anwohnerschutz ausgerufene Boulderappell nur vorgeschoben, um Boulder-Touristen abzuhalten. Immerhin reisen Kletterer aus aller Welt zum Sportklettern in den Frankenjura.

„Bouldern ist mehr als eine vorgefertigte Weltreise mit dem Lonely Planet in der Hand.“

Die IG Klettern verweist darauf, dass es in Franken seit Jahren Stress mit Jägern, Förstern, Behörden und Grundstücksbesitzern gibt. Weil viele Leute es nicht schaffen, sich in der Natur korrekt zu verhalten. Dass Bouldern an vielen Felsen im Frankenjura überhaupt noch möglich ist, sei allein dem Boulderappell zu verdanken. Da ist was dran, denn auch Sportklettern wäre dort wohl nicht mehr so möglich, hätte sich die IG Klettern mit anderen Interessenvertretern nicht auf den Kompromiss des Dreizonenkonzeptes geeinigt.

Wer trotzdem im Frankenjura Bouldern will, kann sich immer noch selbst auf die Suche nach schönen Plätzen machen. Ohne Boulderführer. Einfach hinfahren und sich selbst ein paar Notizen machen. Bouldern ist mehr als eine vorgefertigte Weltreise mit dem Lonely Planet in der Hand. Und die meisten Einheimischen geben auf eine nette Frage nach einem guten Felsblock auch nett eine hilfreiche Auskunft.

P. S. Wenn es gar nicht klappt: Hier ein paar bayerische Boulder-Alternativen zum Frankenjura.

Hinterstein im Oberallgäu

In der Nähe von Bad Hindelang versteckt sich ein kleines enges Tal. Ende der 60er Jahre hat es da einen großen Steinsturz gegeben. Heute ist es das größte Bouldergebiet (bitte Link) im Allgäu. Frei stehende Kalkblöcke türmen sich übereinander und hier findet man viele einfache bis mittelschwere Routen. Es gibt einen Boulder-Parcours mit mehr als 30 markierten Routen. Zwei Drittel sind für Anfänger geeignet.

Lage der Felsen: Nordhang, nur im Sommer Sonne, trocknet aber schnell ab
Zustieg: Rund zehn Minuten vom großen Parkplatz aus
Beste Zeit: Sommer
Wichtig: großes Crash Pad, mindestens ein Spotter. Campen ist verboten (Campingplätze gibt es in Oberjoch, Sonthofen)
Topo: Allgäu-Block, GEBRO Verlag 

Sudelfeld im südlichen Oberbayern

Die Blockwelt am Sudelfeld in der Nähe von Rosenheim bzw. Brannenburg ist das größte Bouldergebiet der bayerischen Voralpen. Hier gibt es drei Sektoren mit mehr als 120 Bouldern in den verschiedensten Schwierigkeitsgraden. Felsneulinge finden am ehesten den unteren Block vom Sektor „Wo’s anfing“ und den Sektor „Fische“. Am besten mehrere Crash-Pads mitnehmen, das Absprunggelände ist gerade bei den leichteren Bouldern oft schlecht.

Lage der Felsen: teilweise im Wald, Sonne je nach Ausrichtung
Zustieg: je nach Sektor – Wo’s anfing ist direkt am Parkplatz. Das Blockfeld liegt auf 800 bis 900 Metern Höhe.
Beste Zeit: Sonnige Wintertage oder Frühjahr
Wichtig: Vorkenntnisse im Spotten, mehrere Crashpads
Topo: Bayerische Alpen Band 2: Out of Rosenheim und Kufstein, Panico Alpinverlag


Hinweis: Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag und stammt von der fabelhaften Nina Pietschmann. Er erschien zuerst beim BR. Danke Nina!

 

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