Höhe ohne Krankheit

Der Muztag-Ata steht im Pamirgebirge und ist 7509 MEter hoch

Rainald Fischer erklimmt Berge jenseits der 7000 Meter und hat dabei schon schmerzliche Erfahrungen mit der Höhenkrankheit gemacht. Er weiß also nicht nur theoretisch, wovon er spricht, wenn er Hochtouristen medizinisch berät und ihre Höhenanpassung erforscht. Der Arzt und Wissenschaftler über Alkohol als Akklimatisierungstaktik, seine Stickstoffsauna und das Leiden der Kieler.

Herr Prof. Rainald Fischer, was passiert genau mit unserem Körper in der Höhe?

Dadurch, dass der Luftdruck abnimmt, gelangen pro Atemzug weniger Sauerstoffteilchen in den Körper. Um dennoch genug davon zu bekommen, atmen wir automatisch schneller und tiefer. Das hat einen zweiten Effekt: Es wird mehr CO2 ausgeschnauft als im Tal. CO2 wird im Körper teilweise zu Kohlensäure, wie bei der Herstellung von Mineralwasser. Diese Kohlensäure nimmt ebenfalls ab und das hat weitreichende Folgen.

Wir werden in der Höhe also weniger sauer?

Im ersten Moment ja. Das bringt den Säure-Base-Haushalt im Körper durcheinander. Um das natürliche Gleichgewicht wieder herzustellen, springt unter anderem die Niere ein. Sie muss auf Hochtouren richtig arbeiten. Eine Folge davon ist, dass man in der Höhe anfangs öfter urinieren muss als im Tal. Dabei wird unter anderem der Stoff Hydrogenkarbonat ausgeschieden. Im zweiten Schritt werden verstärkt rote Blutkörperchen gebildet. So kann mehr Sauerstoff durch die Adern transportiert werden.

Wieso kommen manche Sportler in der Höhe so viel besser zurecht als andere?

Das liegt in erster Linie daran, wie gut der eigene Körper auf O2-Mangel reagiert. Wie schnell sich zum Beispiel die Niere und die Atmung anpassen. Es hat aber wohl auch etwas mit dem Alter zu tun. Tendenziell vertragen viele die Höhe mit zunehmendem Alter etwas besser. Allerdings sprechen wir hier eher vom mittlerem als von hohem Alter ­– und es ist nicht klar, ob das an der körperlichen Verfassung liegt oder an der Bergerfahrung. Manche bringen es damit in Verbindung, dass das Hirnvolumen im Alter leicht abnimmt und dadurch etwas mehr Platz im Schädel ist.

Das heißt, man könnte sich die Höhe auch schön trinken? Das soll ja auch zu einer Abnahme der Hirnzellen führen.

Nicht auszuschließen. Das ist aber natürlich nicht mein ärztlicher Rat.

Apropos Laster: Man hört immer wieder Anekdoten, dass Raucher in der Höhe besser zurechtkommen.

Das kann für die Anfangsphase stimmen, falls sie in der Höhe nicht zur Zigarette greifen. Ihr Körper ist durch das Rauchen daran gewöhnt, mit weniger Sauerstoff auszukommen. Doch das zeigt nur, wie ungesund es ist – und leistungsmindernd ist es natürlich trotzdem. Das ist also sicher keine Lösung für ambitionierte Bergsteiger.

Hilft es denn, sich auf die Atmung zu konzentrieren und ganz bewusst tief zu atmen?

Das könnte ein wenig helfen, ja. Aber spätestens in der Nacht greift diese Taktik leider nicht mehr.

Ab welcher Höhe kann denn Höhenkrankheit auftreten?

Prof. Rainald Fischer ist Arzt und berät Bergsteiger vor Hochtouren
Prof. Dr. med. Rainald Fischer © Privat

Ab circa 2500 Metern können prinzipiell alle Symptome der Höhenkrankheit auftreten. Die der harmlosen Sorte wie Schwindel, Kopfschmerzen und Übelkeit genauso wie Lungen- oder Hirnödeme. Das ist zwar auf dieser Höhe noch sehr selten, aber nicht auszuschließen.

Wie erkennt man eigentlich, ob man nur harmloses Kopfweh hat oder ob man schon auf ein Hirnödem zusteuert?

Drastische Anzeichen sind Ausfallstörungen, also Bewegungs- oder Sprechschwierigkeiten, lokale Lähmungserscheinungen, Bewusstlosigkeit. Wenn diese Symptome auftreten, ist es aber meist schon zu spät, um selbständig sicher zurück ins Tal zu kommen. Da ist man auf Hilfe angewiesen. Den genauen Übergang zwischen Unpässlichkeit und schweren Folgen merkt man nicht unbedingt, es gibt dafür keine eindeutigen frühen Warnzeichen. Ein Hinweis darauf, dass Kopfschmerzen wahrscheinlich harmlos sind, ist, wenn sie nach einer Ibuprofen-Tablette verschwinden. Aber eindeutig ist auch das nicht. Deshalb fährt man besser damit, von Anfang an jedes Symptom der Höhenkrankheit zu vermeiden. So macht das Bergsteigen auch mehr Spaß. Theoretisch kann man jede Höhe ohne Beschwerden erreichen.

Indem man sich langsam an die Höhe gewöhnt?

Eine Faustregel ist, dass man ab zirka 2500 Metern nur 300 Höhenmeter pro Tag zulegen sollte. Wenn man trotzdem Kopfweh bekommt, sollte man wieder so weit absteigen, bis es aufhört. Nach etwa 1000 dazugewonnenen Höhenmetern sollte man am besten einen Tag pausieren. Das dauert natürlich sehr lang, ist aber die gesündeste Variante.

Was halten Sie von dem Ratschlag, abends noch kurz etwas höher zu steigen, um dann wieder niedriger zu schlafen?

Ich persönlich glaube, dass das keine große Rolle spielt. Genaue Daten dazu gibt es aber nicht.

Wie kann man sich vorbereiten, wenn man direkt in die Höhe fliegt, zum Beispiel nach Lhasa auf 3570 Meter oder El Alto auf 4061 Meter?

Da sollte man vorher schon eine Höhengewöhnung durchführen und immer wieder auf höhere Berge steigen. Dabei gilt: Jede Bergtour zählt. Auch Wanderungen auf 2000 oder 2500 Meter fördern die Akklimatisation ein bisschen, am besten natürlich mit Übernachtung.

Wenn jeder Höhenmeter zählt, haben Münchner dann per se einen besseren Ausgangspunkt als zum Beispiel ein Kieler?

Ja, wahrscheinlich hat das einen Effekt, wenn auch einen sehr kleinen. Aber jemand, der in Tirol oder in der Schweiz auf über 1000 Metern lebt, hat vermutlich merklich bessere Voraussetzungen.

Wie können sich Flachland-Tiroler dann auf eine Hochtour vorbereiten, wenn sie nicht oft genug in die Berge fahren können?

Dafür gibt es zum Beispiel Stickstoffzelte. Darin herrscht zwar kein allgemein niedrigerer Luftdruck wie in der Höhe, aber ein Sauerstoffmangel. Man schleust Stickstoff hinein – ein Gas, das ohnehin in der Luft vorkommt und dem Körper nicht schadet. Der Stickstoff verdrängt eine bestimmte Menge Sauerstoff, sodass ein Mangel vorherrscht. Darin kann man sich eine Weile aufhalten, eventuell auch übernachten. Ich habe selbst eine Sauna, in die ich Stickstoff einleiten kann.

Der Muztagata ist mit einer Höhe von 7509 m der dritthöchste Gipfel des Pamir-Gebirges in China.

Was wird denn häufig falsch gemacht bei der Akklimatisation?

Manche denken, man kann einfach die entsprechenden Medikamente einwerfen und hat dann keine Probleme. Das ist aber ein gefährlicher Irrtum. Mittel wie Prednisolon sind rezeptpflichtig und sollten allenfalls nach Verschreibung durch einen Arzt und medizinischer Beratung eingenommen werden.

Es heißt ja, dass man sich maximal an eine Höhe von 5300 Metern vollständig gewöhnen kann und darüber hinaus immer irgendwelche Beschwerden auftauchen. Stimmt das? 

Stimmt, daher liegen alle Basecamps nur in diesen Höhen. Krank werden kann man aber schon vorher. Über diese Höhe hinaus besteht keine dauerhafte Möglichkeit zur Regeneration, daher ist die Devise: schnell rauf und schnell wieder runter.

Wer sollte sich vor einer Tour höhenmedizinisch beraten lassen?

Schaden kann das wahrscheinlich nie. Vor besonders hohen Touren oder wenn man schon einmal Probleme mit der Höhe hatte, lohnt es sich auf jeden Fall. Unbedingt beraten lassen sollten sich Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen wie Pulmonalarterienagenesie, denen von Geburt an eine Lungenarterie fehlt, oder anderen pulmonalen Herzkrankheiten. Man kann dann eine Stickstoff-Challenge durchführen, also untersuchen, wie diese Menschen auf akuten Sauerstoffmangel reagieren.

Als Höhenmediziner hatten Sie bestimmt noch nie Probleme mit der Höhe, oder?

Doch, als ich auf gut 7500 Meter hohen Muztagh Ata in China gestiegen bin habe ich ein Lungenödem bekommen und ein Blutgefäß im Auge ist geplatzt. Diese Erfahrung hat sicher dazu beigetragen, dass ich mich in Richtung Höhenmedizin spezialisiert habe. Harmlose Höhenbeschwerden wie Kopfschmerzen hatte ich schon öfter, in Afrika, Nordindien, Tibet. Das nehme ich in Kauf für das Erlebnis. Oft habe ich einfach nicht die Zeit, mich länger zu akklimatisieren.


 

Gut zu wissen:

  • Menschen, die nicht als Bergsteiger in große Höhen vordringen, sondern seit Generationen dort leben, haben sich der Umgebung angepasst. Allerdings auf ganz unterschiedliche Weise. Andenvölker haben beispielsweise mehr rote Blutkörperchen als andere Menschen. Tibeter wiederum reagieren auf eine geringere Sauerstoffdichte noch stärker mit ihrer Atemfrequenz und -tiefe als die Andenbewohner und haben ein besonders großes Lungenvolumen. Ihr Herz schlägt schneller in der Höhe als das von Flachland-Chinesen und pumpt pro Herzschlag mehr Blut in den Kreislauf. Bei Amhara-Ethiopiern hingegen steigt der Druck in der Lungenarterie, nicht aber ihr Widerstand. Möglicherweise wird so der Blutfluss verstärkt, was zu einer schnelleren Versorgung des Körpers mit dem vorhandenen Sauerstoff führt.
  • Darauf zu warten, dass sich die eigene DNA an die Höhe anpasst, ist leider keine Option. Das würde erst den Kindeskindeskindes…-Kindern zugutekommen. Also bleibt: Schritt für Schritt hoch.
  • Die beiden Profibergsteiger Nancy Hansen aus Kanada und Ralf Dujmovits aus dem Schwarzwald haben im Frühsommer Wochen in der Druckkammer des Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt verbracht. Der Druck fiel immer weiter ab, bis er die Bedingungen auf 7000 Metern Höhe simulierte. Wissenschaftler wollen die Wirkung von geringem Luftdruck auf die Zellteilung im Herz untersuchen und erhoffen sich neue Behandlungsansätze für Herzinfarktpatienten.

 

Titelbild: © Jialiang Gao