Bouldern mit dem 8-Uhr-Wal

Die Ammassalik-Insel in Ostgrönland wäre beinah ein Paradies für Boulderer. Man findet dort die wildesten, bizarrsten Formationen, Überhänge, Platten, High-Boulder – all das kein bisschen abgegriffen, ohne eine Spur von Moos oder Flechten. Das Beste: Täglich kommen neue hinzu. Wären da nicht zwei winzige Nachteile: Die Formationen sind aus Eis und schwimmen im Fjord.

Das Eis ist spiegelglatt und lässt sich höchstens mit Steigeisen und Eisgeräten bezwingen. Im Sommer wagen das nur wenige Hasardeure. Ob sich ein Eisberg unvermittelt dreht, bestimmen die unsichtbaren 90 Prozent Eis unter Wasser mit ihren Spalten und Brüchen. Im Winter, wenn die Eisberge eingegossen sind ins Eis des Sermilik-Fjords, können sich aber auch weniger todesmutige Eiskletterer an die Wände trauen.

Was Felsen angeht, hat die Ammassalik-Insel aber auch etwas zu bieten. Der Fels ist sehr rau, mal nackt, mal von Flechten bewachsen. Zwischen Tasiilaq und Tiniteqilaaq am Ostufer des Fjords liegen einige interessante Brocken herum. Wenn man bereit ist, das Crash-Pad ein paar Höhenmeter zu tragen, finden sich auch interessante Routen oberhalb von Tiniteqilaaq.

Boulderer sind allerdings ein neuer Anblick für die Ostgrönländer, die sich schon an Kajakfahrer, Unter-Eisberg-Taucher und Segler gewöhnt haben. Einige wenige Big-Wall-Routen wurden zwar schon begangen, mit Pad und Kletterschuhen hat sich bisher aber niemand dorthin verirrt. Oder zumindest keine Spuren im Internet hinterlassen.

Wer seinen nächsten Boulderurlaub nach Ostgrönland verlegen will, kann nach Kulusuk fliegen, von dort per Boot oder Helikopter nach Tasiilaq übersetzen. Weiter kommt man entweder im Postschiff (fährt zirka alle drei Tage um die Insel) oder mit einem Schnellboot an sein Lieblingsziel. Tiniteqilaaq bietet sich als Ausgangspunkt an, hier gibt es einen Mini-Supermarkt, ein Service-Haus mit Dusche und Waschgelegenheit und sogar Tischfußball. Vor allem aber einen herrlichen Ausblick auf den eisbergigen Sermilik-Fjord und das Inlandeis am anderen Ufer.

Nicht zu vergessen den „8-Uhr-Wal“, von dem die Einheimischen gern sprechen. Tatsächlich ziehen morgens zwischen 7 und 8 beinah täglich Buckelwale von links nach rechts oder von rechts nach links. Wohnen kann man, wenn man möchte, in einem der Häuser, deren Bewohner zum Sommerurlaub woanders sind – zum Beispiel in Südgrönland. Einfach abends beim Kickern durchfragen, wo das gerade möglich ist. Wild campen darf man in Grönland so gut wie überall, wo kein Privatgrundstück ist (außer zum Beispiel an einem Wasserreservoir). In Tiniteqilaaq lässt es sich etwa neben dem Heli-Landeplatz oder neben einem der etwas höher gelegenen Mini-Seen gut zelten.

Die Temperatur ist sehr greiffreundlich, im Schatten hat es meist um die sieben, acht Grad im August, in der Sonne etwa 15. Die Luft ist extrem trocken, nasser Fels ist also selten ein Problem. Etwas ungemütlich machen es die zahlreichen Mücken und das Restrisiko einer Eisbärbegegnung. Im August ist es am geringsten auf der Ammassalik-Insel, da es auf dieser Höhe kein Packeis mehr gibt, auf dem die Eisbären hauptsächlich jagen.

Sehr gut eignet sich die Insel zum Kajaken, was auf den Fjorden zwischen Walen und Eisbären ein Traum ist. Wir haben die Insel zu zwei Dritteln umrundet und uns dann von einem Motorboot zum Ausgangspunkt fahren lassen. Zwischendurch sind wir auf Miniberge gewandert, von denen man eine wunderbare Aussicht auf das Inlandeis jenseits des Fjords und die treibenden Eisberge hat. Ambitioniertere Bergtouristen finden zahlreiche Berge auf der Ammassalik-Insel, die zwar nicht viel höher als 1300 Meter sind, aber durch die tiefreichenden Gletscher einen alpinen Charakter haben. Noch höhere Berge und unendliche Gletscher eröffnen sich denen, die den fünf Kilometer breiten Fjord von Tiniteqilaaq überqueren.

Beschlagwortet mit: