Bauen statt Bouldern: Gefahr für den Zillergrund Wald

Feinster Granit, märchenhafte Wälder: Das Tiroler Zillertal beherbergt einige der besten Boulderspots Europas. Nun ist einer davon bedroht. Die Felsen sollen einer Baufirma zum Opfer fallen. Warum das nicht passieren darf – und was jeder von uns dazu beitragen kann.

Mein erster Besuch im Zillertal liegt viele Jahre zurück. Viel Ahnung hatte ich damals noch nicht vom Bouldern, aber das sollte sich genau dort ändern. Das Tal hat meine Liebe zu echten Felsen geweckt – trotz blutiger Finger, Topout-Verzweiflung, asthmaartiger Atemnot beim Zustieg und einem Erdloch, dass meine Käsesemmel verschlungen hat. Egal: Das Zillertal hat bei mir den Grundstein für eine große Leidenschaft gelegt. Einen Grundstein aus solidem Granit, der sich glatt und rau und wunderbar unter den Fingern anfühlt.

(Warnung: Es folgt weiteres sentimentales Geschwätz. Wer gleich wissen will, was er tun kann, scrolle bitte direkt zum Artikelende :-))

Besonders ein Gebiet hatte es mir angetan: Der Zillergrund Wald. Nicht etwa, weil ich dort viel bouldern konnte. Im Gegenteil: Dafür war hatte ich damals weder genug Eier noch Bizeps noch Hornhaut. Aber ich weiß noch genau, wie fasziniert ich durch diesen Wald gestolpert bin. Staunend. Atmend. Berauscht. Wie ich mich nicht sattsehen konnte an dieser wilden Melange aus Moos, Wurzeln, Bäumen, Pilzen, Spinnweben, Felsen, Ritzen und Spalten. Diese Löcher im Boden! Darin mussten doch einfach Feen und Kobolde wohnen! Okay, in Wahrheit beherbergen sie wohl vor allem verlorene Kletterschuhe, Chalkbeutel und anderes Zeug. Aber im Zillergrund kann man einfach nicht anders, als an einem Märchenwald zu denken und mal kurz ins Mystische abzugleiten. Es ist eine geheimnisvolle grüngraubraune Zauberwelt, die jeden, der sie betritt, berührt und vereinnahmt.

Man kann im Zauberwald nicht einfach einen Schritt vor den anderen setzen. Man muss schon springen und kraxeln, bücken und ziehen, hüpfen und tasten, balancieren, kriechen und stemmen, um irgendwie voranzukommen. Und dabei aufpassen, dass man sich nicht den Knöchel verknackst, in einem Erdloch verschwindet, im Wald verloren geht oder mit dem Crashpad irgendwo stecken bleibt. Und man muss sehr oft umdrehen, um einen neuen Weg zu finden. Dazu der Soundtrack von Flussrauschen, Blätterrasseln, Vogelgezwitscher und schmatzenden Schritten, die vom Waldboden verschluckt werden. Dass sich inmitten dieses Zauberwaldes auch noch ein paar grandiose Boulderblöcke verstecken, ist da  fast schon ein Bonus. Ich glaube, ich habe wirklich noch nie jemandem vom Zillergrund erzählt, ohne dabei das Wort „magisch“ zu verwenden. Nicht nur wegen der Feenatmosphäre. Sondern auch,  weil dieses Stückchen Erde sehr viel Ruhe in Herz und Hirn bringt. So wurde der Zillergrund zu meinem Magic Wood – lange bevor ich einen Fuß in das berühmte Schweizer Gebiet setzte, das diesen Namen tatsächlich trägt.

Warum ist das Gebiet in Gefahr?

Nun ist der Zillergrund in Gefahr. Bald schön könnte es den Wald in seiner jetzigen Form nicht mehr geben. Die Baufirma Hollaus Bau möchte ihren Granitabbau in der Region erweitern. Man kennt die schon: ihre Lastwägen,  die ohrenbetäubenden Sprengungen, die Absperrungen. Die Firma ist schon eine ganze Weile in der Gegend aktiv, auf einer Fläche von etwa fünf Fußballfeldern. Bisher sind sich Baufirma und Boulderer dabei aber nicht allzu sehr in die Quere gekommen. Das ist nun anders. Das Unternehmen hat eine Erweiterung beantragt und will an das Herz des größten Bouldergebiets der Region: Die Granitblöcke im Zillergrund. Sie sollen gesprengt und verarbeitet werden. Zum Beispiel für private Bauvorhaben, den Hochwasser- oder Lawinenschutz – der Abbau sei also nötig, sagt die Firma. 

Verena Steiner will das so nicht stehen lassen. Sie ist die Urheberin einer Petition, die bis zum heutigen Tag 22.041 Menschen unterzeichnet haben. „Wir haben hier im Zillertal alles andere als Ressourcenmangel. Es so darzustellen, als wäre der  Abbau für den Katastrophenschutz nötig, ist wirklich dreist“, sagt sie. Verena lebt im Zillertaltal und hat keine Lust, dass aus den Boulderblöcken bald Gartenmäuerchen werden und wieder ein Stück wertvolle Natur verschwindet. Für sie ist der Wald ein Rückzugsort und Erholungsgebiet – nicht nur für Boulderer, sondern für alle Menschen. Den Gesteinsabbau im Zillergrund sieht sie auch deshalb sehr kritisch, weil es sich um ein Quellschutzgebiet für die Trinkwasserversorgung der Gemeinde Brandberg handelt. Tatsächlich hat sich diese Sorge bei der mündlichen Verhandlung am 13. November bestätigt, vom Tisch war das Vorhaben damit aber nicht.

Über  180 Blöcke mit über 300 verzeichneten Linien würden verloren gehen, wenn das Gebiet verschwindet. Was vielen Beteiligten dabei nicht klar ist: Man kann nicht an allen Felsen kraxeln. Es hat durchaus seinen Grund, warum das Zillertal die Kletterelite aus aller Welt anzieht: Blöcke von der Qualität wie jener im Zillergrund Wald sind rar. „Solche Natursteine wachsen nicht wie Schwammerl aus dem Boden“, sagt Gerhard Hörhager, einer der wichtigsten Köpfe der Kletterszene im Zillertal.

Andererseits geht es nicht nur um ein bisschen Boulderspaß – auch wenn es Jammerschade um die Blöcke wäre. Das entscheidende Thema heißt Naturschutz. Wie viele andere auch habe ich absolut kein Verständnis dafür, dass derart einzigartige Landschaften unwiederbringlich zerstört werden. Das ist auf eine sehr viel grundlegendere Art und Weise frustrierend, als nur einen Boulder-Spielplatz zu verlieren. Es ist unerträglich und irre ermüdend ständig zu erleben, wie wirtschaftliche Interessen an nahezu allen Stellen über Naturschutz gestellt werden. Dass es am Ende immer nur ums Geld und kurzfristige Gewinnmaximierung geht. Auf Kosten der Natur und der Gemeinschaft. Es ist ja nicht so, dass Europa voll von unberührter Natur wäre. Wie kann es sein, dass überhaupt zur Debatte steht, diesen Ort zu zerstören? Letztlich ist er nur ein weiteres Symbol dafür, was Profitgier, Maßlosigkeit und Ignoranz anrichten können.

„Es geht nicht um ein bisschen Boulderspaß. Es geht um den Schutz eines einzigartigen Stücks Natur.“

Und noch etwas macht mich wütend: Wieso passiert das ausgerechnet in Tirol? Dem Bundesland, das so stolz auf seine Natur ist und so gerne damit wirbt, ja fast prahlt? Das mit dem Bouldern sogar Werbung macht? Das sich bei der Kletter-WM in Innsbruck als Hotspot des Klettersports inszeniert hat? Hallo Tiroler Landesregierung, geht’s noch?!?! Es ist verlogen und heuchlerisch, einerseits von der Kletterszene profitieren zu wollen und andererseits eines der besten Gebiete in Europa plattzumachen. Und so ein bisschen mischt sich das mit dem Verdacht, dass man die Boulderer vielleicht gar nicht im Tal haben will. Weil sie lieber in Bussen auf Parkplätzen übernachten als in den Ferienhäusern und Hotels. Weil sie keine großen Geldsummen dort lassen, sondern nur Chalkspuren auf den Felsen und ja, manchmal auch Müll (auch nicht cool, aber ein anderes Thema).

Wie ist der Stand der Dinge?

Das Bauvorhaben wurde  lange hinter verschlossenen Türen vorbereitet. Als die Klettergemeinde Mitte November davon erfahren hat, ist sie sofort aktiv geworden und hat die Gefahr für das Gebiet publik gemacht. Verena Steiner hat eine Petition ins Leben gerufen, die an den Tiroler Landtag übergeben wurde. Die Stonemonkeys Zillertal informieren auf allen Kanälen über das Vorhaben und haben zur Verhandlung in Brandberg im Zillertal eine kleine Demonstration organisiert. Unterstützung bekommen die Locals von der internationalen Kletterszene und prominenten Köpfen wie Anna Stöhr, Alex Megos, Bernd Zangerl oder Jakob Schubert. Auch viele Lokalpolitiker und Interessenvertreter haben sich dem Protest mittlerweile angeschlossen. Hier haben wir ein paar Stimmen für euch gesammelt:

„Dieses Gebiet soll für künftige Generationen erhalten werden. Es ist ein besonderer Ort, der nun leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird“ (Anna Stöhr, Profi-Sportkletterin)

„Wo soll das aufhören? Hier geht es um unwiederbringbare Ressourcen, die das Landschaftsbild prägen.“ (Gerhard Hörhager, Urgestein Kletterszene Zillertal)

„Alles steigen auf die Kletterschiene auf, aber im selben Atemzug werden Steine abgebaut.“ (Reinhold Scherer, Urgestein Kletterszene Zillertal)

„Ich möchte nicht, dass diese tollen Blöcke dem Abbau zum Opfer fallen.“ (Jakob Schubert, Profi-Kletterer)

„Es geht hier um einen Eingriff in Natur, Tourismus und Kletterszene. Ich bitte darum, künftig zu solchen Verhandlungen eingeladen zu werden. Das darf nicht hintenherum passieren.“ (Andreas Hundsbicher, Obmann Tourismusverband Mayrhofen-Hippach)

 „Ich appelliere an die Österreichischen Bundesforste als Grundbesitzer: Sie sollten nicht nur auf den Profit schauen, sondern Verantwortung gegenüber der Natur zeigen.“ (Gebi Mair, Grüne)

„Das ist ein absoluter Wahnsinn.“ (Paul Steger, Alpenvereinssektion Zillertal)

„Klettern ist ein gutes Beispiel für sanften und naturnahen Tourismus, den wir in Tirol brauchen und der voll im Trend ist … Es wäre ein beträchtlicher Imageschaden für das Zillertal und für ganz Tirol, wenn der ‚Zauberwald‘ durch eine Baufirma zerstört wird.“ (Georg Kaltschmied, Grüne)

Einige Gruppen haben sich mittlerweile mit den Kletterern solidarisiert: Naturschützer, die Fraktion der Grünen, der Tourismusverband und der Österreichische Alpenverein etwa. Es gibt also durchaus starke Stimmen, die sich gegen das Projekt stemmen. Ob das etwas bringt, muss sich noch zeigen. Noch ist keine Entscheidung gefallen,  alle Gutachten liegen derzeit bei den Behörden. Aktuell warten alle auf das Urteil der Bezirkshauptmannschaft Schwaz. Die nächste wichtige Anhörung ist am 24. Januar 2019 angesetzt. „Wir hoffen auf ein klare Entscheidung“, sagt Verena Steiner.  Was heißt das? „Der Abbau soll untersagt und die Natur geschützt werden. Und der Zillergrund Wald muss dringend in das Kletterkonzept aufgenommen werden. Dann wären die Nutzung als Klettergebiet und der Schutz der Natur gesichert.“ Wie stehen die Chancen dafür? „Das kann derzeit niemand sagen. Aber wir machen uns große Sorgen, dass die Politik das Thema einfach solange vertagt und verschiebt, bis sie es hinter geschlossenen Türen zu einem späteren Zeitpunkt durchdrücken kann. Das Zittern um das Gebiet könnte sich in diesem Fall noch sehr, sehr lange hinziehen“, so Steiner. 

Was kannst Du tun, um das Gebiet zu retten?

  1. Unterschreib die Petition. Bis zum 24. Januar 2019 müssen so viele Unterschriften wir möglich zusammenkommen. Dann nämlich findet eine wichtige Anhörung im Gemeinderat statt. Verena Steiner darf ihr Anliegen dort vorstellen und mit Anna Stöhr und Gerhard Hörhager zwei Unterstützer mitnehmen.
  2. Informiert so viele Menschen (nicht nur Boulderer, sondern alle, denen Naturschutz am Herzen liegt) wie möglich darüber, was gerade im Zillertal passiert – und macht sie auf die Petition aufmerksam. Wie wäre es, die Petition in deiner Boulderhalle bekannt zu machen? Teilt sie in den sozialen Medien, macht einen Aushang – jede Unterschrift zählt!
  3. Bei den Stonemonkeys Zillertal könnt ihr euch über den aktuellen Stand der Dinge informieren. Wenn es Demonstrationen oder andere Aktionen vor Ort gibt, erfahrt ihr dort davon.
  4. Schreibt an die Firma Hollaus Bau und legt sachlich dar, warum ihr gegen das Vorhaben seid. Und erklärt, warum Boulderer eben nicht beliebig auf andere Gebiete ausweichen können, wie es die Firma vorschlägt.
  5. Schreibt an die Bezirkshauptmannschaft Schwaz (z.Hd. Markus Gasser) und appelliert an die Verantwortlichen, die Erweiterung nicht zu genehmigen, sondern sich klar für den Naturschutz auszusprechen.

Du willst mehr Infos?
Hier geht es zum Artikel, der alles losgetreten hat, hier und hier zu Berichten über die Demonstration und hier zur offiziellen Beschreibung des Vorhabens.