Nach dem Fall

Schon klar: Hochmut kommt vor dem Fall. Welche Gefühle sich danach einstellen, kann Anna berichten – nach einem Sturz in eine Gletscherspalte.

Andere würden damit angeben, sagt eine Freundin. Sie würden sich für ihr Abenteuer rühmen und dafür, dass sie einfach weiter auf den Gipfel marschiert sind. Und mit dem Schnee auf der Jacke auch den Schrecken leichthin fortgewischt haben. An mir aber bleibt eine schale Mischung aus Scham, Selbstzweifeln und Frust hängen. Und die Frage: Macht das was mit mir? Was macht das mit mir? Was sollte es mit mir machen?

Ich bin in eine Gletscherspalte gefallen. Das fühlte sich erstmal weniger dramatisch an, als dieser Satz vermuten lässt. Vor uns waren andere Gruppen unangeseilt auf dem Gletscher unterwegs, einige davon mit Bergführern. Ich weiß, dass ich diese Tatsache nur erwähne, weil ich meinen eigenen Vorwurf entkräften möchte, dass es Leichtsinnigkeit, Naivität oder Überforderung war, die mich unter die Oberfläche beförderte. Weil ich Scham und Selbstzweifel abschütteln will mit Argumenten und Objektivität. Und tatsächlich würde ich auch im Nachgang sagen: Diese Tour war nicht zu hoch gegriffen, die Planung sorgfältig, unser Können und unser Wissen mehr als ausreichend. Zugeschlagen hat: das gefürchtete Restrisiko.

Stefan zieht ein paar Meter vor mir seine Ski durch den Schnee. Der letzte, sanfte Aufschwung zum Gipfel. Meine Gedanken mäandern. Was treiben die Wolken? Wie dünn die Luft hier oben ist. Ob die Gruppe hinter uns das gleiche Ziel hat? Dann schreie ich: „Stefan!“ Und nochmal: „Stefan!“ Und rutsche auf lockerem Schnee in das Loch, das sich unter mir auftut. Der Moment, in dem mein Kopf zu begreifen versucht, was passiert, wie tief der Abgrund ist, welchen Halt es geben könnte, zieht sich in die Länge. Und doch sitze ich einen Wimpernschlag später kaum zwei Meter tiefer gemütlich auf meinem Hinterteil.

In meinem Rücken, unter meinen FüSSen: lockerer, mit mir abgerutschter Schnee. Vor mir: Eis. Links und rechts: Tiefe. Aus Angst, ich könnte den Untergrund in Bewegung setzen, rühre ich mich nicht. Ich rufe. Wo bleibt Stefan? Warum antwortet er nicht? Was kann ich tun?

Überlegungen durchzucken mein Gehirn. Ich sortiere. Rucksack absetzen, Ski abschnallen, Steigeisen und Pickel zücken: besser nicht. Durch den Schnee aufwärts wühlen: unklug. Eine Idee, die mir leider nicht kommt: Eisschraube vom Gurt nehmen, ins Eis drehen, mich selbst sichern. Also abwarten, durchatmen, ruhig bleiben.

Oben pfeift der Wind, Stefan hört mich nicht, läuft noch eine Weile weiter, bevor er merkt, dass ich fehle. Es bleibt Zeit für Gedanken: Scheiße, musste das sein? Was hast du hier verloren? Wie konnte das passieren? Irgendwann dann sein Ruf: „Anna! Bist du da unten? Ich schicke dir gleich das Seil.“ Bald baumelt es vor meiner Nase. Ich binde mich ein. Meine Ski schnalle ich ab. Stecke sie in den weichen Schnee und arbeite mich mitsamt der Ausrüstung aufwärts. Der Schnee gibt immer wieder nach, hält mein Gewicht aber aus. Ich schiebe erst meine Ski, dann mich über die Kante, fluchend, frierend und zitternd. Ich sage: „Danke.“ Und dann: „Gehen wir weiter. Mir ist kalt. Ich muss mich bewegen.“

Die wenigen verbliebenen Höhenmeter zum Gipfel stapfen wir angeseilt aufwärts. Bergab fahren wir erst mit, dann wieder ohne Seil. Ich scanne den Untergrund, mustere die Schneeverwehungen, setze jeden Schwung bedacht, als könnte ich so schneller erahnen, wo die Schneedecke mich trägt. Beim Abendessen betreiben wir Unfallanalyse: Hätten wir mit Seil gehen müssen? Hätten wir die Spalte sehen können? Hätten wir eine andere Tour wählen sollen? Wir sind uns einig: Nein. Und halten uns auch vor Augen, was gut gelaufen ist: Stefans souveräne Sicherung (mit Pickel und Gardaklemme), meine Ruhe. Am nächsten Tag ziehen wir wieder los, vorsichtiger zwar, aber ohne Angst.

Zuhause dann die Fragen: Hattet ihr eine gute Zeit? Wie war eure Tour?

Ja, wie war unsere Tour? Darf sie schön gewesen sein? Muss, soll, darf der Sturz Fragen aufwerfen? Woher kommt die Scham, wo wir doch meinen, uns nichts vorwerfen zu können? Wie umgehen mit dem „Restrisiko“, das sonst eine theoretische Variable in Fachartikeln ist und nun praktisches Erlebnis wurde? Habe ich mich wirklich so reflektiert mit den Gefahren im Bergsport auseinandergesetzt, wie ich gerne von mir glaube? Unter welchen Bedingungen bin ich weiterhin bereit, dieses Restrisiko in Kauf zu nehmen? Und was muss mir eine Tour geben, damit sie dieses Risiko wert ist?

Eine Antwort wird ganz klar: Ich möchte nicht sterben (oder verletzt werden oder einen Rettungseinsatz verursachen oder auch nur meinem Tourenpartner einen Schreck versetzen), weil ich mich um des Egos willen, um mein Selbstbild zu pimpen, um Schulterklopfen zu ernten in den Bergen getummelt habe. Eine Binsenweisheit, logisch, würde jeder unterschreiben. In der Praxis aber vermischen sich Motive zu einer diffusen Gemengenlage aus Anreizen, Antrieben und Ansichten. Das Hochgebirge ist beeindruckend, an wenigen Orten ist der Alltag so fern, die Natur so gewaltig wie dort. Das Vertrauen in die Menschen an meiner Seite schafft eine Nähe, die sonst viele Abende voller weinseliger Lagerfeuergespräche voraussetzen würde. Bewege ich mich im oberen Bereich meiner Fähigkeiten, fühle ich mich lebendig, selbstbewusst und stark. In angestrengtem Staunen verbinde ich mich mit der Natur und dem ganz Großen, das mich umgibt. Ganz im Moment und ganz bei mir selbst.

Aber da ist auch diese andere Seite: Das bewundernde Nicken der Kollegen. Das „Ach krass, ich hätte ja total Schiss“ der Freundin. Der Neid der Bergmenschen im Bekanntenkreis. Der Stolz auf die eigene Leistung, auf das Mehr an Höhenmetern und Schwierigkeitsgraden, das Weniger an Zeit, SchweiSS und Angst.

Gibt es Bergsteiger, die sich dem entziehen können? Die sollen bitte dringend einen Kurs geben: „Buddha in den Bergen. Wie Sie sich frei von ihrem Ego als Alpinist verwirklichen.“ Ich wäre die Erste auf der Teilnehmerliste. Denn vielleicht speisen sich Scham, Frust und Selbstzweifel nicht aus fehlendem Einschätzungsvermögen und alpinem Können, sondern aus der Angst, mit den falschen Motiven auf diesen Berg gelaufen (und in diese Spalte gefallen) zu sein.

Ohne Abschluss in „Narzissmuslosem Gipfelstreben“ bleibt nur ein Vorsatz: das Restrisiko  minimieren und aus den richtigen Gründen akzeptieren. Soll heißen: noch gewissenhaftere Tourenplanung. Lektionen aus dem Gletscherkurs auffrischen. Unfallszenarien gedanklich durcharbeiten. Die eigenen Motive hinterfragen. Dem anstrengenden Prozess nicht ausweichen, sich wieder und wieder von der Außenwirkung, dem Prestige, dem eigenen Ego frei zu machen. Den Weg wieder und wieder wichtiger nehmen als das Ziel. Das Ziel nach folgenden Kriterien auswählen: Ist die Landschaft schön? Sind die Bewegungen schön? Ist das Miteinander schön? Ist das Erleben schön?

Natürlich möchte ich auch unter diesen Voraussetzungen nicht in einer Gletscherspalte enden. Mit der (erneuten) Erfahrung, dass „Restrisiko“ nicht nur die anderen meint und immer auch die Möglichkeit beinhaltet, dass ich selbst davon betroffen bin, soll der Gefahr aber etwas Lohnendes entgegenstehen. Etwas Wertvolles, das jeder Berggeher kennt und das – so meine Hoffnung – weiterreicht als in unsere strammen Waden, unseren aufgeblasenen Kamm und unsere stolzgeschwellte Brust. Etwas, das uns vielleicht zu bewussteren, reflektierteren, lebensbejahenden, mitfühlenden, verantwortungsbewussten Menschen macht.