Heiter bis Lustig? Die Überschreitung der Heiterwand

Es gibt diese Touren, die neben Leidensfähigkeit und Erfahrung auch eine ordentliche Prise Humor erfordern. Dass Kilian davon genug besitzt, beweist alleine der Spitzname, den er der Heiterwand-Überschreitung gegeben hat: „Grobkörniger Forstweg“. Über drei Versuche – und das Glück des Scheiterns.

Kennt ihr sie auch, die Berge, die keiner kennt? Die Heiterwand ist so ein Berg. Vor einigen Jahren taucht sie beim Gleitschirmfliegen plötzlich auf: groß, mächtig, atemberaubend schön. Sie ist die längste Wand der nördlichen Kalkalpen und somit auch länger als der bekannte Jubiläumsgrat. Ich bin sofort gefesselt und in den Bann gezogen. Eine Online-Recherche zur Überschreitung der gesamten Heiterwand spuckt lediglich einen alten Forenbeitrag aus. Dort finde ich einen in mäßiger Qualität eingescannten Bericht von einer Alpenvereinszeitschrift, der älter ist als ich. Ich versuche jedes einzelne Wort zu entziffern und Informationen daraus abzuleiten. Fazit: Die gesamte Überschreitung soll sehr anspruchsvoll und so gut wie unbegangen sein. Schwierigkeiten bis UIAA IV sollten sicher seilfrei geklettert werden können, ebenso IIIer im brüchigen Abstieg.

Ich frage über Jahre alle meine Tourenpartner und andere Bergsteiger: „Kennst du die Heiterwand?” Keiner kennt sie. Nur einer hat schon mal davon gehört. Meine Begeisterung steigt: Ich muss jemand finden, der mit mir dieses Abenteuer angehen will und kann. Ich selektiere meine Tourenpartner nach alpiner Erfahrung sowie Abenteuerlust und bleibe bei Marko hängen. Er ist fit, der beste Outdoor-Boulderer, den ich kenne, erfahren im II. alpinen Schwierigkeitsgrad und immer interessiert am besonderen Abenteuer.

Dann doch gleich das Biwak

Die Überschreitung wird nach einer Nacht in der unbewirtschafteten Heiterwandhütte von Ost nach West empfohlen, um die ca. 7,5 Kilometer lange Kletterei plus Abstieg überhaupt an einem Tag schaffen zu können. Unbewirtschaftet? Dann können wir doch gleich auf dem Grat biwakieren und uns nochmal zwei Stunden für den großen Tag aufsparen. Los geht es: die weiten 1.600 Höhenmeter hinauf, vorbei an der Heiterwandhütte und dem Skelett eines abgestürzten Tieres, dann weiter im Mondschein bis zum Grat in Richtung Ostgipfel. Wir legen uns im Klettergurt und mit Seil gesichert in den Biwaksack und hoffen, dass die Wettervorhersage recht behält, das Wetterleuchten also an uns vorbei zieht. Die Nacht ist erstaunlich erholsam, der Sonnenaufgang über den tiefen Wolken unter uns atemberaubend schön. Morgens deutet Marko an, dass er bereits jetzt an seiner Abenteuergrenze angekommen ist und so klettern wir die außerordentlich brüchige IIer Kletterei wieder ab.

Schon bald vermisse ich die Heiterwand und recherchiere weiter. Mittlerweile gibt es ein paar Tourenberichte und es stellt sich heraus, dass der Normalweg auf den Heiterwand-Hauptgipfel nicht über UIAA II hinaus gehen und die Felsqualität dort gut sein soll. Ich erzähle solange begeistert meiner Frau von der Tour auf den Hauptgipfel, bis wir ihn gemeinsam und mit einem befreundeten Pärchen, Armin und Laura, erklimmen. Ende Juli schreiben wir den ersten Gipfelbuchteintrag des Jahres. Die Kletterei ist hier tatsächlich etwas einfacher und die Felsstabilität vergleichsweise gut. Auch Armin ist fasziniert von der Heiterwand. Mein Tourenpartner für den zweiten Versuch ist gefunden. Er hat ein Jahr zuvor am Zugspitz Ultratrail die 90 Kilometer souverän gemeistert und seitdem er gehen kann, ununterbrochen alpine Erfahrung gesammelt.

Wir setzen auf Leichtausrüstung. Seil, Klettergurt, warme Klamotten, Getränke, Helm, Verpflegung, alles wird in und am 10 Liter Rucksack verstaut. Wir gehen von Obtarrenz aus und übernachten in der Heiterwandhütte. Mit dem ersten Dämmerungslicht starten wir am nächsten Morgen und erreichen bei Sonnenaufgang den Grat der Heiterwand. Dort überraschen wir einen riesigen Steinbock beim Frühstück, der süffisant kauend dabei zusieht, wie sich zwei Bergsteiger in sein Revier vorwagen. Ab dem Hauptgipfel geht’s los ins Neuland und laut Alpenvereinsführer “10 Minuten lang unschwierig” zum Heiterwandeck. Hier die Geröllrinne vorsichtig abrutschen und dann an der 30 Meter hohen und fast senkrechten Wand bei UIAA III “aushangeln”.

Aller guten Dinge sind drei?!

Ich weiß bis heute nicht, was „aushangeln“ bedeutet. Vielleicht steht das für eine Fähigkeit, die wir beide nicht besitzen. Wir jedenfalls brechen den Versuch ab und steigen die 1.600 Höhenmeter wieder hinunter. Ich versuche zu akzeptieren, dass ich offensichtlich nicht genug alpine Erfahrung mitbringe für diese Tour – bis auf einmal mehrere Online-Berichte auftauchen und die Überschreitung in West-Ost-Richtung empfehlen. Der Startpunkt im Westen hat den Vorteil, dass es vom Auto aus lediglich 700 Höhenmeter bis zum Einstieg ins Unbekannte sind und die “Aushangel”-Stelle im Aufstieg einfacher zu klettern sein sollte.

Aller guten Dinge sind drei, denke ich mir. Mit Max – meinem ebenso ehrgeizigen und fitten wie mittlerweile auch sehr erfahrenen Tourenpartner – wärme ich mich erst einmal an der Tarrentonspitze auf, einem Gipfel im mittleren Teil der Heiterwand. Hier kann man sich von Süden einen spektakulären Weg durch die Südwand legen: mit Schwierigkeitsgrad III im Auf- und Abstieg. Teilweise erleben wir schönste Kletterei, teilweise ist der Fels so lose, dass ich mich frage, wieso die ganze Heiterwand noch nicht umgefallen ist. Wir schreiben im Herbst den siebten Gipfelbucheintrag des Jahres, davon den ersten auf unserer Aufstiegsroute.

Nach einigem Training steht der Tag der Tage an. Um 03:30 Uhr klingelt der Wecker und wir erreichen pünktlich vor Sonnenaufgang locker den Maldongrat. Wir kommen zügig voran, allerdings nur so schnell, dass wir die Überschreitung in den 16 Stunden Tageslicht gerade so schaffen könnten. An der Gabelspitze finden wir die Abseilstelle erst nach einigem Suchen. Immer wieder stehen wir vor einem Felsturm, ratlos, ob wir darüber klettern, rechts oder links vorbei steigen sollen. Immer wieder frage ich mich, ob der Fels in meiner Hand hält und taste mich vorsichtig bis zum nächsten stabilen Griff vor. Jede Suche kostet wertvolle Zeit.

Trittsicherheit, Schwindelfreiheit – und Humor

Schließlich müssen wir einsehen, dass wir bei dieser Geschwindigkeit den Hauptgipfel nicht mehr vor der Dunkelheit erreichen werden und entscheiden, nach einem Drittel der Heiterwandüberschreitung einen Notabstieg nach Süden zu suchen. Nun steht uns allerdings noch der Rückweg bevor. Dieser ist Teil der Umrundung der Heiterwand. Er setzt laut Alpenvereinsführer “unverwüstliche Kräfte, instinktive Orientierungsgabe, Kletterfertigkeit, absolute Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und Humor” voraus – was wir im Laufe des Abstiegs bestätigen können. Mitte Juli, bei 30 Grad, finden wir südseitig in 2.000 Meter Höhe überraschend ausgedehnte Schneefelder, die uns den ohnehin stark verfallenen Weg abschneiden. Ohne Steigeisen und Pickel müssen wir diese gefühlten Gletscher mit kreativen Seilsicherungen überwinden. Danach wartet ein unendliches Auf und Ab über lose Steine auf uns, steile Wiesen und mittendrin ein wunderschönes Edelweiß. Am Ende bin ich glücklich, immerhin ein Drittel meines Lebenstraums unfallfrei geschafft zu haben.

Mittlerweile gehen wohl um die zehn Menschen pro Jahr die gesamte Überschreitung der Heiterwand. Ich verneige mich vor allen, die diese Tour meistern. Leider werde ich wohl nie dazu gehören. Dafür hat mir die Heiterwand Faszination, Herausforderungen und große Abenteuermomente beschert, die ich niemals missen möchte. Ich hätte mir vor der Entdeckung der Heiterwand niemals vorstellen können, so eine intensive Beziehung zu einem Berg aufbauen zu können. Also wenn du ein Bergabenteuer suchst, hätte ich da eine Idee…

Text & Fotos: Kilian Draeger