„Wir alle müssen diesen Ort schützen“

Das hessische Felsenmeer ist ein Besuchermagnet. Für das Naturschutzgebiet hat das auch unschöne Folgen: Müll, Lärm und Trampelpfade sind zum Problem geworden. Vor allem die Boulderer stehen deshalb am Pranger. Nun wollen sie ein Zeichen setzen und ihre Naturverbundenheit mit einer großen Aufräumaktion unter Beweis stellen. Sascha Jung, Erschließer des Gebiets und Mitglied der „AG-Klettern und Naturschutz im Odenwald“, erklärt, was es damit auf sich hat.

Im Felsenmeer gibt es gerade Ärger. Was ist da los?

Sascha Jung: Es kommen einfach immer mehr Besucher, die dort die Natur erleben und genießen wollen. Mit dem Ansturm gehen einige Probleme einher: Viele Menschen hinterlassen Müll, machen Lärm, parken wild oder bewegen sich abseits der markierten Wege. Vor allem der Müll ist ein Problem, stellenweise liegen wirklich viele Zigarettenstummel, Plastikverpackungen, Glasscherben und Taschentücher herum. Allerdings sind jetzt ausgerechnet die Boulderer als Verursacher ins Visier geraten. Es gab Vorwürfe von Seiten des Felsenmeer Informationszentrums und aus der Lokalpolitik, die uns von der AG Klettern ziemlich schockiert haben.

Welche Vorwürfe?

Die oben genannten Probleme wurden vor allem den Boulderern zugeschoben, die in den letzten Jahren vermehrt ins Felsenmeer kommen. Seit ich 2015 den ersten Boulderführer herausgegeben habe, ist die Popularität stetig gewachsen. Die Granitblöcke im Odenwald sind einfach ideal dafür geeignet. Trotzdem sind die Boulderer immer noch eine sehr kleine Nutzergruppe und fallen im Vergleich zu Wanderern, Spaziergängern, Mountainbikern, Trailrunnern, Joggern und Familien, die einen Ausflug ins Felsenmeer machen, kaum ins Gewicht. Außerdem handelt es sich um eine überwiegend sehr naturverbundene Gruppe junger Menschen. Deshalb finden wir unfair, dass man nun ausgerechnet ihnen den schwarzen Peter zuschieben will.

Woran liegt es, dass die Boulderer als Sündenböcke herhalten müssen?

Ich glaube, sie fallen einfach am meisten auf. Boulderer sind immer noch Exoten: Sie laufen in bunten Klamotten und mit Crashpads auf dem Rücken durch den Wald, hinterlassen weiße Spuren auf den Felsen und tüfteln stundenlang herum, bis sie ein Problem knacken. Außerdem kommen sie gerne in Gruppen. Viele Menschen haben keine Ahnung, was sie da eigentlich machen, oder glauben sogar, sie würden die Felsen beschädigen. Das stimmt aber überhaupt nicht.

Aber die Chalkflecken sehen wirklich nicht schön aus…

Chalk lässt sich nicht ganz vermeiden. Aber man kann es sparsam verwenden und es hinterher mit einer weichen Bürste wegputzen. Dazu halten wir auch alle Boulderer an. Aber selbst wenn nicht geputzt wird: Der nächste Regen kommt und spült die Spuren weg. Chalk verändert die Landschaft nicht nachhaltig. Und, ganz wichtig, es schadet der Natur nicht. Weder dem Fels noch dem Boden, dazu gibt es wissenschaftliche Studien.

In der Pfalz, wo man auch gut bouldern kann, ist es trotzdem verboten.

Dort wird aber an Sandstein gebouldert – und Chalk greift die Struktur dieses Gesteins an. Da muss man differenzieren: Kalkfelsen tut das Pulver gut, Sandstein schadet es und bei Granit ist es schlicht egal. Es gibt also keinen Grund, es im Odenwald zu verbieten.

Das Hauptproblem ist aber ohnehin der Müll, oder?

Genau. Und da wollen wir uns auch gar nicht rausreden: Es gibt sicher Boulderer, die Müll hinterlassen. Aber solche Menschen gibt es in allen Besuchergruppen, die ins Felsenmeer kommen. Das ist absolut kein bouldererspezifisches Problem. Selbst der Hessische Forst, der sich um den Odenwald kümmert, bescheinigt den Boulderern ein sehr hohes Umweltbewusstsein. Und wir bemühen uns sehr, immer wieder auf den Boulderappell zu naturverträglichem Bouldern hinzuweisen.

Trotzdem habt ihr jetzt einen „Frühjahrsputz“ organisiert. Warum?

Wir wollen im Felsenmeer sauber machen und einen Tag lang Müll beseitigen. Dabei fragen wir nicht danach, wer ihn dort hinterlassen hat – wir sammeln ihn einfach ein und entsorgen ihn. Ähnliche Clean-Up-Days gibt es ja auch in Fontainebleau oder in Magic Wood. An unberührter, sauberer Natur haben schließlich alle ein Interesse. Damit wollen wir ein Zeichen setzen: Der Wald ist uns wichtig, die Natur liegt uns am Herzen. Und wir sind bereit, uns die Hände dafür schmutzig zu machen, dass das Felsenmeer ein schöner Ort für alle bleibt. Außerdem hoffen wir, die Wogen so etwas zu glätten und guten Willen zu zeigen. Denn natürlich wollen wir, dass im Odenwald auch weiterhin gebouldert werden darf.

Wie wird der Tag ablaufen?

Wir treffen uns am Samstag, den 25. Mai, ab Vormittag um 11.30 Uhr, auf dem unteren Felsenmeerparkplatz in Reichenbach. Dann teilen wir Gruppen ein und durchkämmen das gesamte Felsenmeer. Ziel ist, alles einzusammlen, was in einem Naturschutzgebiet nichts verloren hat. Als Dankeschön gibt es nach der Aufräum-Aktion im Informationszentrum ein kleines Treffen mit freien Getränken. Alle Teilnehmer bekommen außerdem für den Abend freien Eintritt in die Boulderhalle Studio Bloc in Pfungstadt oder in die Kletterhalle High Moves in Bensheim. Nach der Aktion wird das Felsenmeer blitzen wie lange nicht mehr. Wir hoffen, dass wir damit dazu beitragen können, dass es ein schönes Ausflugsziel für alle Naturbegeisterten bleibt. Wir alle müssen diesen Ort schützen.

Alle Bilder: Ben van Skyhawk