Angeschmiert

Sonnencreme ist lästig, klebt und brennt in den Augen. Sie macht fettige Finger, Flecken auf der Brille, boykottiert unsere Bräune – und ist eine lebensrettende Erfindung. Warum Bergsportler und Kletterer Sonnenschutz ernst nehmen sollten.

Die Steigeisen beißen sich in das Gletschereis. Weit unten ist das Tal im Wolkenmeer ertränkt, zwischen den hohen Gipfelketten prahlt von früh bis spät die Sonne. Was für viele Bergsportler wie ein Traum klingt, ist für ihre Haut ein schierer Albtraum. Klar, ein Sonnenbrand ist unangenehm, das hat wohl jeder im Selbstversuch schon erfahren. Dass die Folgen dramatisch ausfallen können, wird aber gerne verdrängt. Bei einer Erhebung des Berufsverbands der Deutschen Dermatologen (BVDD) bekannten etwa 58 Prozent der Befragten, ihre Haut nur manchmal oder nie vor der Sonne zu schützen. „Auch beim Outdoor-Sport wird leider oft vergessen, für den richtigen Sonnenschutz zu sorgen“, sagt Reinhard Mrotzek vom BVDD. Immer noch empfinden viele Bergsportler ein sonnengegerbtes Gesicht als ebenso ruhmreichen Beleg für ihre Verwegenheit wie die Narbe vom Eispickel oder ein volles Tourenbuch. Tatsächlich aber ist der Sonnenbrand eine der häufigsten und vermeidbarsten Verletzungen beim Bergsteigen und Wandern.

Warum müssen Bergsportler besonders auf ihre Haut achten?

Weil in den Bergen die Luftschicht dünner ist, nimmt die Strahlung pro 1.000 Höhenmeter um etwa 15 bis 20 Prozent zu. Eine besonders wichtige Rolle spielt der Sonnenschutz bei Skitouren im Winter oder auf Hochtouren im Sommer. „Denn neben der geographischen Lage, der Jahres- und Tageszeit sowie Wetterlage gibt es einen weiteren wichtigen Faktor: Streuung und Reflexion der Strahlen. Dadurch kann im Schnee eine um über 80 Prozent höhere UV-Strahlung erreicht werden“, weiß die Deutsche Haut- und Allergiehilfe. Das Risiko, Schäden davonzutragen, wird also um ein Vielfaches erhöht – vor allem dann, wenn wir in der Anstrengung leicht bekleidet durch die weiße Landschaft wandeln. Die kalten Temperaturen lassen uns nicht spüren, wie stark die Sonnenstrahlung eigentlich ist. Und selbst von einem bedeckten Himmel sollte man sich nicht in Sicherheit wiegen lassen, warnt der Hautarzt Reinhard Mrotzek. „Bei lockerer Bewölkung kann noch bis zu 75 Prozent der UV-Strahlung den Boden erreichen. Im Schatten sind noch etwa 50 Prozent der Sonnenstrahlung vorhanden.“

Ist die Strahlung wirklich so gefährlich?

Im Juli 2009 hat die Weltgesundheitsorganisation die UV-Strahlung der Sonne in die höchste Kategorie krebsauslösender Faktoren eingestuft. Sie steht damit auf einer Stufe mit Tabak und Asbest. Laut der Deutschen Krebshilfe erkranken pro Jahr etwa 265.000 Menschen neu an Hautkrebs. Tendenz drastisch steigend. Natürlich trifft nicht jeden Outdoor-Sportler dieses Schicksal und natürlich wird nicht jeder Sonnenbrand so dramatisch bestraft. Doch haben wir Bergmenschen, die wir uns leidenschaftlich in höheren Lagen tummeln und durch Schnee bewegen, ein größeres Lebenszeitrisiko für Folgeschäden. Denn: „Die übermäßige UV-Bestrahlung gehört zu DEN Risikofaktoren“, so die Krebshilfe. Ausgelöst werden die Hauterkrankungen vor allem durch UV-A- und UV-B-Strahlen. Ob und wie viel Schaden sie anrichten, hängt von der Dauer der Exposition, der Intensität der Strahlen und dem eigenen Hauttyp ab. Akut beschwert sich die Haut in Form von Sonnenbrand, der wenige Stunden nach der Überdosis auftritt und 12 bis 24 Stunden später zur Höchstform aufläuft. Neben der typischen Rötung und dem Gefühl des Brennens kann es bei schweren Verläufen auch zu Blasen, Hautablösungen, Fieber und starken Schmerzen kommen. Im „chronischen Fall“ sorgt die Sonneneinstrahlung dafür, dass unsere Haut schneller altert.

Wie schütze ich meine Haut?

Es ist so simpel, wie es klingt: „Die Voraussetzung für eine vitale Haut bis ins hohe Alter ist vor allem ein wirksamer Schutz vor UV-Bestrahlung“, sagt Dermatologin Ulrike Kalinke. Das einfachste Mittel ist, die Haut gar nicht erst der Sonne auszusetzen. Wer auf den Gipfel will, kann freilich schlecht im Schatten fläzen. Wo es geht, sollten Hautpartien aber bedeckt sein. Bergsportler müssen – im Gegensatz zu Wüsten-Wanderern – dafür nicht gleich zu Spezialklamotten mit Sonnenschutzfaktor greifen. Sie sollten allerdings wissen, dass normale Sportkleidung noch rund 30 Prozent des UV-Lichts auf die Haut dringen lässt. Bei sehr starker und sehr langer Sonneneinstrahlung lohnt es sich deshalb, auch Partien unter der Stoffschicht mit einer Portion Sonnencreme zu bedenken. Nacken, Ohren, Stirn, Scheitel oder Platte schützt ein Hut mit breiter Krempe. Haut, die der Sonne direkt ausgeliefert ist, wird spätestens eine halbe Stunde vor dem Schritt ins Freie eingeschmiert. Die in den Cremes oder Lotionen enthaltenen Sonnenschutzfilter verhindern Sonnenschäden, indem sie die UV-Strahlung absorbieren, reflektieren und streuen.

Der Lichtschutzfaktor (LSF) zeigt dabei an, wie viel länger man sich der Sonne aussetzen kann, ohne einen Sonnenbrand zu bekommen. Wer ungeschützt nach 15 Minuten eine rote Haut bekommt, soll unter dem Schutz eines Präparats mit Faktor 20 zwanzigmal länger brutzeln dürfen. In den Bergen braucht es neben einem hohen Schutzfaktor (im Hochgebirge oder Schnee mindestens LSF 30) Produkte, die auch wasser- und schweißresistent sind. Bei Kälte muss eine möglichst fettreiche, vergleichsweise wasserarme Schutzschicht her, die die Haut nicht nur vor zu viel Sonne, sondern auch vor frostigen Temperaturen bewahrt. Immer gilt: rechtzeitig nachschmieren, gerade wenn es schweißtreibend wird. Und brav zur Vorsorgeuntersuchung gehen, wie Hautarzt Reinhard Mrotzek mahnt: „Für Outdoor-Sportler ist aufgrund der erhöhten UV-Belastung ein regelmäßiges Hautkrebs-Screening beim Dermatologen besonders wichtig.“

Wie bewahre ich Augen und Lippen vor Sonnenschäden?

Als eine Art Sonnenterrasse im Gesicht ist besonders die Unterlippe gefährdet für Hautkrebs. Dermatologen raten zu einem Fettstift mit einem Lichtschutzfaktor von mindestens 20, der regelmäßig aufgetragen werden muss. Denn durch Essen, Trinken, Atmen und Reden wird die Schutzschicht schnell wieder abgerieben. Und noch eine andere Körperstelle braucht unsere Fürsorge: die Augen. Wer sie länger der Strahlung aussetzt, riskiert im schlimmsten Fall irreparable Schäden an Horn- und Netzhaut. Eine geeignete Sonnenbrille ist vor allem auf Gletschern und im Schnee ein Muss. Sie sollte einen hundertprozentigen UV-Filter und Gläser der Schutzkategorie 3 oder 4 besitzen. Je enger sie anliegt und je besser die Passform, desto schlechter kann die Strahlung seitlich eindringen.


Wer genau wissen will, wie lange er sich ungefährdet in der Sonne aufhalten kann, dem hilft das mobile Angebot des Berufsverbands der Deutschen Dermatologen (BVDD) und des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt (DLR). Per SMS lässt sich die aktuelle UV-Eigenschutzzeit im gesamten Gebiet Europas für den persönlichen Hauttyp und den aktuellen Standort abfragen. Das DLR wertet dafür meteorologische Satellitendaten aus und verbindet diese Daten mit einem Nutzerprofil, das jeder unter uv-check.de anlegen kann.

Eine Art Lagebericht für die UV-Strahlung gibt außerdem der Deutsche Wetterdienst (DWD) heraus. Unter dwd.de finden Interessierte den aktuellen Gefahrenindex, der unter Berücksichtigung von geographischer Lage, der Tages- und Jahreszeit sowie der Dicke der Ozonschicht den Tagesspitzenwert der erwarteten UV-Strahlung angibt.

Dieser Text erschien auch in dem Bergmagazin Alpin.