Führungskrise

Internet killed the Kletterführer? Von wegen. Auch in digitalen Zeiten ist aufgeschmissen, wer auf zuverlässige Topos verzichten muss. Zum Beispiel im Maltatal.

Die grau-braun-schwarz melierte Granitplatte döst in der Sonne wie ein Cowboy mit gegerbter Haut und Dreck unter den Nägeln. Wie ein Haudegen, der mit seinem Rücken am Geländer einer Veranda lehnt. Der vor dem Saloon auf etwas zu warten scheint, von dem er selbst nicht weiß, was es ist, und seinen Blick dabei über die staubige Einöde schweifen lässt. Ebenso lässig steht die Große Seenplatte in der Gegend herum. Die Landschaft in ihrem Sichtfeld könnte dem Wilden Westen aber kaum unähnlicher sein: zu den Füßen der Platte fläzt ein türkisfarbener See, ihr Hinterkopf ruht auf der oberhalb querenden Bergstraße, ringsum recken sich karge Spitzen den dünnen Wolken entgegen.

Gerade haben wir 28 Euro für die Mautstraße bezahlt, unser Auto 14 Kilometer aufwärts geplagt, zu Fuß einen stillgelegten Tunnel passiert und uns durch die Büsche geschlagen. Nun blicken wir abwechselnd auf die geneigte Wand vor uns und den Zettel in Susis Hand. Vier Routen sollten durch die Große Seenplatte führen, mehr Details aber sind dem Ausdruck nicht zu entlocken. Ein grieseliges Schwarz-Weiß-Foto mit aufgemalten Strichen verrät uns weder Standplätze noch den genauen Routenverlauf. Immerhin: Schwierigkeitsgrad V bis V+ ist neben dem Bild zu lesen. Also egal, beschließen wir und stürzen uns in Zweierteams in die einladenden Linien.

Irgendwo in den Tiefen des Netzes hatte Susi das „Topo“ entdeckt. Zuvor hatten auch Robert, Peter und ich vergeblich nach dem Kletterführer der Gegend gesucht. Im Handel – derzeit vergriffen. In öffentlichen Bibliotheken, im Freundeskreis, im Fundus der Alpin-Redaktion – kein Exemplar vorhanden. Auf dem Gebrauchtmarkt für Bücher – nichts zu holen. Doch der Plan stand unverrückbar fest: Sommer-Sonnen-Tage im Maltatal, Klettervergnügen zwischen Gmünd und der Hochalmspitze. Vor Ort würden wir schon einen Führer auftreiben. Dachten wir. Doch weder die Buchhandlungen oder die Campingnachbarn, noch der Wirt mit dem „Climbers welcome“-Schild vor der Restauranttür konnten uns am Vorabend helfen.

„Südliches Flair in hochalpinem Ambiente“

Also ziehen wir mit unserem Zettel los, dem einzigen Anhaltspunkt, den wir haben. Und werden an diesem Tag für unsere Sturheit belohnt. Tritt für Tritt schleichen wir eidechsengleich über die Platten. Die Sonne wärmt unsere Rücken, kühle Prisen wehen vom Galgenbichlspeicher herauf. Ein entspannter Auftakt, den wir am nächsten Tag gerne etwas steigern würden: höher hinauf, länger in die Wand, noch mehr Fels unter den Fingern. Hat das Maltatal doch so viel zu bieten, dass die wenigen Tage schon zu Beginn unseres Trips zu zerrinnen scheinen angesichts der unzähligen Möglichkeiten um uns herum.

„Südliches Flair in hochalpinem Ambiente“, so wurde uns das Tal schmackhaft gemacht. Im Kärntner Teil der Hohen Tauern, zwischen Salzburg und Villach gelegen, empfängt das Bergsteigerdorf Malta mit dieser Mischung die Gäste. Seine gemütlichen, unaufgeregten Gassen geben einen Vorgeschmack auf das, was die Besucher tiefer im Tal erwartet: eine Gegend, in der der Tourismus noch nicht allzu viele Spuren hinterlassen hat. Außer der ebenso imposanten wie erschreckenden Kölnbreinsperre, Österreichs höchster Staumauer, gibt es keine Bauwerke, Seilbahnen oder Skigebiete, die dem Naturliebhaberherz seelische Schmerzen bereiten könnten.

Auch deshalb ist das „Tal der stürzenden Wasser“ mit seinen unzähligen Wasserfällen schon seit Langem ein Anziehungspunkt für die Eisklettergemeinde. Seit einigen Jahren entdecken nun auch die Felskletterer die Gegend für sich. Kein Wunder, warten doch bestens ausgestattete Sportklettergebiete im Tal ebenso wie ernsthafte Alpinrouten auf über 3.300 Meter, mannshohe Boulderblöcke genauso wie die 400 Meter Wand. Gemütliche Plaisirrouten, kräftige Überhänge, tüftelige Platten, durchgebohrte Anfängertouren, Trad-Linien in den höchsten Graden – wer hier nicht fündig wird, der ist selber schuld. Oder hat keinen Führer.

So wie wir. Tag zwei beginnt deshalb notgedrungen an der Kreuzwand, einem beliebten Klettergarten im Tal. Große Tafeln und durchnummerierte Routen weisen uns hier den Weg in die Vertikale. Auch ohne ausdauerndes Alpingekletter gibt es genug für uns zu tun: Über 80 Touren an Rissen, Verschneidungen, Platten oder Leisten verhindern jede Langeweile. Und trotzdem: Dem ersten Menschen, den wir im Maltatal-Führer blättern sehen, reißen wir sein Buch aus den Händen. Endlich: Sektoren, Topos, Wegbeschreibungen, 240 Seiten voller Verlockungen und verlässlicher Informationen. Selten haben wir ein Nachschlagewerk so geschätzt wie in diesen Tagen.

„Eine ordentliche Portion Idealismus und Können“

„Die wenigsten ahnen, wie viel Arbeit in so einem Kletterführer steckt“, wird mir Ronald Nordmann später erzählen. Er hat selbst einen Führer zusammengestellt und betreut andere Autoren für den Panico Verlag – für jenen Verlag also, der gerade an der Neuauflage des Maltatalführers von Gerhard Schaar sitzt. „Das ist, wie so oft, ein sehr langer Weg.“ Gebietskenner begutachten dafür jeden erschlossenen Felsen und erstellen Handskizzen der Topos. „Das erfordert viel Wissen und Geschick, schließlich müssen sie drei Dimensionen in zwei quetschen und kompakt erfassen, was für eine Route wesentlich ist“, sagt Ronald. Dazu kommen Namen, Grade, Beschreibungen und Kommentare. Im Verlag werden aus diesen Elementen dann druckfähigen Seiten gebaut. Zig Korrekturschleifen und etliche Jahre später erst stöbern sich weiß gechalkte Finger durch die Hundertschaften an Routen.

Und nicht nur vor dem Anspruch und dem Aufwand dieser Arbeit müssen wir den Hut ziehen, das wird durch die Erfahrung im Maltatal klar. Auch vor dem Antrieb der Autoren. „Die meisten machen diesen Job nebenberuflich und für wenig Geld“, meint Ronald Nordmann. „Dafür braucht es eine ordentliche Portion Idealismus. Und Können. Alle Autoren sind selbst Erschließer und im oberen Schwierigkeitsgrad unterwegs. Sie haben einen tiefen Einblick in die lokale Szene und ein besonderes Gespür für den Fels in ihrem Gebiet.“

Von diesen Erfahrungen profitieren wir am nächsten sonnigen Tag: Wir wagen uns an den Strand. Der Sektor „The Beach“ heißt nicht umsonst so, das lesen wir auf den abfotografierten Seiten des Führers, kann man sich hier doch „direkt in die eiskalten Fluten des Galgenbichlspeichers stürzen“. Auf uns wartet „gemütliches (Trad-)Klettern an einem wunderschönen Platz mit genialer Aussicht auf die Kölnbreinsperre.“ Dafür müssen wir allerdings erst einen wilden Zustieg hinter uns bringen, einen Zustieg vor allem, den wir ohne Führer niemals gefunden hätten: durch Brennnesseln und dichtes Gebüsch, quer über ein Latschenfeld, an abschüssigen Felsen ein Seil entlang und schließlich an einem Baum hinunter zum See. Entsprechend einsam strecken wir unsere Füße in das Wasser und versuchen wir uns im Granit.

Während wir noch nach Bohrhaken spähen, beginnen die Wolken langsam, die Landschaft in ein unwirtliches Grau zu tauchen. Also Rückzug: das Fixseil hinauf, die Querung hinüber, durch die Latschen zurück während der Himmel immer dunkler wird. Auf den letzten Metern holt uns die prophezeite Schlechtwetterfront ein. Mit durchweichten Kletterhosen staksen wir zum Auto – O-beinig, wie Cowboys in der Prärie, und um viele Eindrücke reicher.

Dieser Text erschien auch in dem Bergmagazin Alpin.


Mehr Infos über das Maltatal und seine Klettermöglichkeiten gibt’s hier: