„Am schwierigsten sind Henkel“

Julius Kerscher schraubt nicht nur Routen in Wände, sondern entwickelt auch die Klettergriffe dafür. Wie funktioniert das? Wie fängt man an? Und wie kommt man auf neue Ideen? Zu Besuch in einer ziemlich bunten Werkstatt.

Julius, ist Shapen für dich ein künstlerischer Akt oder ein Handwerk?
Für mich ist es vor allem Design. Die Funktion hat Vorrang vor künstlerischen Aspekten. Schöne Flügel sind toll, aber was nutzt das, wenn man mit ihnen nicht fliegen kann? Und es gibt wichtige handwerkliche Komponenten: Man braucht neben Ideen auch einige Tricks und Kniffe in der Wahl und im Umgang mit Materialien und Werkzeugen. Was in der Sphäre der Kunst verortet wird, hängt auch immer von Perspektive und Projektionen ab – in meinem Wohnzimmer habe ich ein paar Blöcke vom Meister Captain Crux an die Wand gehängt.

Wenn die Funktion entscheidend ist: Denkst du den Griff also von einer Bewegung her oder leitet sich die Bewegung auch manchmal von der Form ab?Das ist beides möglich, dafür ist der Breitensport breit genug. Mal steht ein Move im Vordergrund und es gilt: „Form follows function“. Mal geht es eher darum, eine Bewegungsumgebung zu schaffen und die Funktion kann mit natürlicher Unschärfe aus dem Formenspiel erwachsen.

Woher nimmst du die Inspiration für deine Designs?
Aus eigenen Erfahrungen: Bewegungen, Formen, visuellen Reizen. Oft ist mein Design von der Natur inspiriert. An der Isar gibt es zum Beispiel einen Klettergarten mit wunderbar verspielten Felsformen. Sie sind allerdings so glatt, dass die Griffe und Tritte richtig quietschen. „So etwas in rauh wäre toll“, habe ich mir mit Freunden überlegt. Und das ist das Schöne am Shapen: Man kann verschiedene Inspirationsquellen und Ideen kombinieren, sich kreativ austoben. Man kann einer Ästhetik folgen, aber die Haptik und ergonomische Funktion verändern.

Es geht also nicht darum, die Natur nachzubilden.
Nein, das wäre pure Hybris und auch gar nicht sinnvoll. Draußen ist der Fels manchmal wunderbar widerspenstig und unergonomisch, das wäre in der Halle alles andere als gesund. Wichtig ist die Transferleistung. Manchmal beeinflussen aber auch ganz pragmatische Überlegungen das Design: Wie viel Aufwand will ich betreiben? Wie viel Feindesign und Strukturierung braucht es wirklich?

Welche Griffe gerade die Wände schmücken ist immer auch gewissen Moden unterworfen. Wie sehr beeinflussen diese Trends deine Arbeit?
Das ist wie bei T-Shirts. Obwohl sie ein alltägliches, einfaches Verschleißprodukt sind, verändern sie sich permanent: neue Schnitte, neue Materialien, neue Farben. Manche Entwicklungen finde ich cool, andere nicht. Man muss sich ja nicht verbiegen.

Welche Veränderungen siehst du kritisch, welche positiv?
Die immer größeren und aufwändigeren Volumen sind im breitensportlichen Routenbau mittlerweile fast schon Standard statt Highlight. Das ist sind nicht so mein Fall, weil es die Attraktion des Herausragenden verdirbt. Im Boulder- und Wettkampfbau ist das natürlich etwas anderes. Ich bin als Kletterer an kleinen Strukturen aufgewachsen und eher ein Minimalist. Für mich ist weniger mehr. Gut finde ich dagegen, wie sich das Material weiterentwickelt hat. Es wird stabiler, langlebiger und leichter – was für uns Routensetzer wichtig ist. Auch ökologische Gesichtspunkte spielen eine größere Rolle. Zum Beispiel werden Griffe zunehmend nicht mehr komplett ausgegossen oder alte, abgeriebene und ausgeblichene Griffe neu beschichtet, um Ressourcen zu schonen.

Wie genau läuft der Prozess zum fertigen Griff ab? Von der Idee bis in die Halle ist es wahrscheinlich ein weiter Weg.
Der erste Schritt ist, Entwürfe in Schaumstoffklötze zu schnitzen. Das Material wiegt wenig und lässt sich leicht verformen. Ich bearbeite es erst mit Sägen und Messern, dann mit immer feinerem Werkzeug, mit Feilen, Schwämmen oder Fräsen. Das funktioniert nach dem Prinzip „trial and error“. Relativ früh fange ich an, die Haptik miteinzubeziehen und die Formen zu betasten. Sind zwei bis drei Prototypen fertig, erstelle ich Skizzen und dekliniere die Designprinzipien für die gesamte Produktpalette durch. Ein Sortiment besteht ja immer aus den gleichen Funktionstypen: aus Henkeln, Leisten, Löchern, Zangen, Auflegern, dezidierten Tritten und so weiter. Alles in verschiedenen Größen und Gutmütigkeiten. In der Fabrik wird später für jeden Rohling eine Negativform aus Silikon abgeformt – die Gusswanne für die Serienproduktion.

Was macht mehr Arbeit: ein dickes Volumen oder ein zierlicher Tritt?
Am schwierigsten ist es, einfache Henkel so zu gestalten, dass sie für alle Handgrößen angenehm sind. Sie richtig gut zu machen ist deutlich anspruchsvoller als kleine Leisten oder fiese Aufleger. Ansonsten hängt der Aufwand viel von den Oberflächen ab: Feine Löcher, verspielte Strukturen oder wirklich glatte Oberflächen machen sehr viel Arbeit.

Woran hängt es, ob ein Sortiment erfolgreich ist?
Griffe sind Kiloware. Der Preis ist deshalb ein ganz wesentliches Kriterium in der breitensportlichen Realität. Für Hallenbetreiber spielt nach Preis und Sicherheit auch die Haltbarkeit, etwa das Farb- und Reibungsprofil, eine wichtige Rolle. Obwohl Griffe an sich wie ein simples Produkt wirken, braucht es für eine gute Auswahl viel Erfahrung und Sachkenntnis. Manche Materialien fühlen sich zum Beispiel wärmer an als andere. Weil manche Kletterer ja durchaus noch einen haptischen Bezug zum kalten und rauen Fels haben und keine schwitzigen Hände auf weichem Plastiktouch wollen, sind Kunststoffe mit einer gewissen Wärmeleitfähigkeit gefragt. Das spart Chalk, denn man hat direkt ein besseres Grip-Gefühl.

Muss ein Shaper viel von der aktuellen Technologie verstehen?
Nein, eigentlich nicht. Aber es nützt, vorab mitzudenken: Welche Geometrien sind physikalisch darstellbar? Ist der Griff nicht nur geometrisch normkonform, sondern auch mit diesem oder jenem Material stabil genug? Wie teuer ist die Fertigung? Shaper können sowohl einen ästhetischen als auch einen technischen Zugang haben. In beiden Fällen ist es hilfreich, auch die Sicht eines Routensetzers zu kennen.

Was muss ich sonst noch mitbringen, um als Shaper erfolgreich zu werden?
Vielleicht einen gewissen Nerdfaktor, eine Begeisterung für das Komische und für Details, die der normale Hallennutzer nicht wahrnimmt – zumindest nicht bewusst. Es gibt Designer, die haben selbst bei den kleinsten Tritten, die nur mit den Füßen geschunden werden, einen wahnsinnigen Gestaltungsehrgeiz. Sie achten auf Nuancen, die kaum jemanden auffallen werden.

Ist das nicht total frustrierend?
Nein, ich habe da ein professionelles Verständnis. Ein Produkt wie ein Klettergriff ist gut, wenn der Nutzer nicht groß darüber nachdenkt während er es nutzt. Es soll sich gut anfühlen – und darf trotzdem schön sein. Ich glaube außerdem, dass auch Details unbewusst in die Gesamtwahrnehmung miteinfließen. Wir sind Augentierchen und Handfüßler. Es heißt ja nicht umsonst: „sich einen Begriff von etwas machen“. Wenn es in einer Route einen unmotivierten Wechsel im Material gibt oder Lefties und Righties nicht richtig platziert sind, fühlt sich die Route für den normalen Kletterer unrund an – vielleicht ohne dass er benennen könnte, woher das Gefühl kommt.

Offensichtlich zähle auch ich zu diesen Normalos. Was sind denn Lefties und Righties?
Das sind Griffe, die so entworfen wurden, dass sie tendenziell angenehmer für die linke oder rechte Hand sind. Zum Beispiel ist der Daumen ja ein starkes Werkzeug, das links und rechts verschieden gelagert ist. Kommt er angenehm oder gar helfend am Griff zum Liegen, fühlt sich das mehr oder weniger subtil besser an. Novizen achten beim Schrauben oft nicht genug auf solche Aspekte.

Um deine Arbeit mal bewusst bewundern zu können: An welchen Werken aus deinen Händen baumeln Kletterer und Boulderer denn aktuell?
Meine liebsten eigenen Griffe heißen „Biometrics“. Sie sind ein naturinspirierter Transfer vom Zinnen-Edelschotter für ehrliche Leistenkletterei, allerdings eine Spur ergonomischer als der Quell meiner Begeisterung. Krasses Kontrastbeispiel dagegen: Manch einer baumelt inzwischen an Giga-Henkeln mit Richtungspfeilen drauf, zum Abklettern beim Bouldern. Die Idee dazu hatte mein Mentor Stuart Hardy schon vor Jahren. Damals dachte ich noch, das wäre dann wirklich das Ende des Trainings für den wahren Bergsport. Heute sehe ich diese Teile mit großer Freude an den Wänden. Nach einiger Zeit im Boulderbau samt Testrunden an noch fast leeren Wänden und zu viel Abspringen aus vier Metern Höhe weiß ich, wie gesundheitsförderlich solche Rettungshenkel manchmal sind. Tja, willkommen in der modernen Welt des Boulderns! Wir wollen, dass die Leute gesund bleiben und geben ihnen mit unserem Material die Chance, den Abstieg vom Highball sicher zu gestalten.

Gerade kann man sich in einigen Hallen außerdem an Griffe in Herzform hängen, die deiner Hand entsprungen sind.
Auch sie sind vielleicht ein hübsches Beispiel dafür, wie sich der Breitensport entwickelt. Motiv- und Themenrouten, Klettern und Bouldern mit Herz… Eigentlich habe ich nur ein paar dieser Griffe für eine Überraschungsroute entworfen, die in einer Kletterhalle für eine Bergführerhochzeit geschraubt wurde. Aber dann ist ein ganzes Set daraus entstanden, weil die simple Herzform zu meiner Überraschung so viele unterschiedliche angenehme Formen hergibt. Das ist handwerkliche Befriedigung hoch zwei.


Julius Kerscher, 36, ist Mathematiker, Künstler, Alpinist, Klettertrainer und Routensetzer in München. Er kennt die Facetten des Vertikalsports also aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Für den in Bayern fertigenden Hersteller „Allgäu Holds“ designt er Griffe – von sanften Herzen bis zum feinzinnigen Leistenedelschotter.

Hinweis: Das Interview erschien in Klettern 01/2020.